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Im Dunkeln verlässt niemand das Haus

Vom 03. bis zum 05. Mai besuchten wir die Menschenrechtsverteidiger_innen der Hacienda Teves. Die Situation vor Ort ist leider weitestgehend unverändert (am 16. April haben wir hier darüber berichtet). Über den Verwalter der Ländereien, Arnie Teves, wird gemunkelt, dass er verrückt sei und drogensüchtig. Wir wissen aus den vielen Berichten und Anzeigen der Bäuer_innen, dass er zu Gewalt bereit ist. Und da er selbst bei Menschen in den höchsten Positionen vor Morddrohungen nicht zurückschreckt, halten wir unseren Aufenthalt hier so kurz wie möglich, versuchen gar nicht erst das Land zu betreten, trinken kein alkoholisches Getränk, vermeiden jede mögliche Provokation und halten uns die meiste Zeit in geschlossenen Räumen auf.

Dodong (Alexander) Hoyohoy, der Bruder des am 03. Dezember 2008 ermordeten Arnaldo Hoyohoy, erweist sich als sehr liebenswerter Mensch und ausgezeichneter Gastgeber und Koch. Dennoch bleibt ein seltsames Gefühl dabei, in dem Haus zu übernachten, vor dessen Tür ein Mord begangen wurde. Ein Mord für den nie jemand zur Rechenschaft gezogen wurde, weil ein Verdächtiger am Tag der Anhörung bei einem Verkehrsunfall verunglückte und niemand bereit ist, gegen den zweiten Verdächtigen auszusagen. Sie haben Angst, erklärt Dodong und zeigt sich angesichts des unzulänglichen Zeugenschutzes auf den Philippinen sehr verständnisvoll.

Er glaubt, die Kugel habe nicht seinem Bruder gegolten, sondern der ganzen Familie. Sie beide seien in dem gewaltlosen Protest sehr aktiv gewesen und dass es sich hierbei um das Motiv eines politischen Mordes handelt, davon ist er überzeugt. Rolando Flores kommt hinzu und äußert den Verdacht, dass eigentlich Dodong ermordet werden sollte und nicht sein Bruder. Von der Veranda aus sehen wir das Eingangstor und die kleine Kerbe, die das tödliche Geschoss hinterlassen hat. Und wir merken, dass wir spätestens bei Abenddämmerung bei jedem vorbeifahrenden Motorrad nervös werden. Dies ist der Grund, aus dem wir die Veranda schnell verlassen und uns in sichtgeschützte Bereiche zurückziehen.

Am zweiten Tag unseres Aufenthaltes, wir sitzen auf der Veranda und unterhalten uns mit Rolando Flores, einem der Menschenrechtsverteidiger_innen, als mir plötzlich auffällt, dass wir fotografiert werden. In zwei großen Jeeps mit verdunkelten Scheiben sitzen mehrere Menschen und nehmen Bilder von uns.

Wir fühlen uns sehr beunruhigt, aber Rolando erklärt uns nur entspannt, dass dies Angestellte des Großgrundbesitzers sind. Auch Dodong lacht über die Nachricht. Macht Witze darüber, dass dies ein Zeichen dafür ist, dass Arnie Teves sich wieder ärgert. Jeder Erfolg der Bauern bedeute, dass Arnie Teves verärgert sei und so ist mit jedem noch so kleinem Erfolg auch immer die Gefahr verbunden. Doch in Unsicherheit befinden sich die Menschen hier schon so lange, dass sie die Furcht verlernt zu haben scheinen. Die Witze und die heitere Stimmung, die sich unter den Anwesenden ausbreitet, scheinen ihre Art des Umgangs mit der permanenten Bedrohung zu sein. Auch einige Sicherheitsregeln haben sich durchgesetzt, „alles andere liegt in Gottes Hand“.

Wir sammeln Informationen, fotografieren weitere amtliche Dokumente und lassen uns erzählen, dass der ehemalige Landbesitzer bereits mit dem Bau von einem boarding house, einer Pension, auf dem umstrittenen Gelände begonnen hat. Auch die piggery, die Schweinezucht, wurde nicht abgerissen, wie 2009 in einer Einigung versprochen wurde.

Nach einem langen Rechtsstreit, in dem das Recht der Menschenrechtsverteidiger_innen auf dieses Land immer wieder bestätigt wurde, wurde einem Großteil der Bäuer_innen per inclusion/exclusion-Verfahren der CLOA-Titel plötzlich wieder abgesprochen. Als Legitimation für diese Entscheidung wurde angeführt, dass diese ihr Land nicht bearbeiten würden. Dabei wurden die Umstände unter denen die Menschenrechtsverteidiger_innen gezwungen wurden ihr zu Hause zu verlassen völlig ignoriert und auch interne Berichte, die dem entgegenstanden einfach übergangen.

Eine Bäuerin die seit der Beantragung des CLOA-Titels Grundschullehrerin werden konnte, Eva Lajot, lud uns für den zweiten Abend zu einem Abendessen ein. Da Dodong dies begrüßte und selber Lust zeigte sie zu besuchen, stimmten wir zu. Erst abends, als alles bereits für unseren Empfang vorbereitet war, überkam mich eine ungute Vorahnung, die sich dann bestätigte, als wir uns, ohne Dodong, am Esstisch der Familie Lajot versammelt hatten. Per SMS erfuhr Eva Lajot, dass Angestellte der Familie Teves auf der Straße wären und es angeraten sei, zunächst zu bleiben. Wir hatten eine der wichtigsten Sicherheitsregeln gebrochen. Jene, die besagt, im Dunkeln die Häuser nicht mehr zu verlassen. Während wir also signalisierten, dass wir unkomplizierte Gäste seien, die durchaus auch mit einer Bambusmatte im Haus der Familie Lajot vorlieb nehmen würden, überließen wir die Entscheidung den Bäuer_innen.

Diese stellten sich als erstaunlich gut vernetzt heraus. Per SMS sendeten die verschiedenen Menschenrechtsverteidiger_innen Informationen darüber zu, was sie aus ihren Häusern jeweils beobachten konnten und so konnte das Verhalten der Männer am kompletten Highway relativ unkompliziert aus den einzelnen Berichten nachvollzogen werden. In dem Gefühl ständiger Bedrohtheit hat sich bereits eine ganz eigene Informationskultur entwickelt.

Dodong stand auf der Straße und beobachtete unsere Ankunft. Und wieder lachte er, als wir ihm sagten, dass er sich doch nicht für uns in Gefahr begeben solle. Manchmal wirkt er auf mich so, als sei er sich selbst einfach nicht besonders wichtig. Und die Angst sei ihm nur eine Aufforderung zum Vertrauen in Gott. /ah/

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Ein Kommentar

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Hacienda Victoria

…stellt Euch das einmal in Deutschland vor:

Ein Richter, ohne Entscheidungsbefugnis über diesen Fall, soll darüber urteilen, ob der Leasing Contract zwischen zwei Firmen gültig ist. Beide Firmen werden von dem Großgrundbesitzerpaar geführt und erfüllen den Zweck die Legitimität der Installation der Menschenrechtsverteidiger_innen in Frage zu stellen.

Anstatt den Fall jedoch, dem Gesetz entsprechend (Section 68 des CARPER) zurückzuweisen, stellt er zunächst eine einstweilige Verfügung aus die den Menschenrechtsverteidiger_innen den Zugang zu 59 Hektar ihres Landes verbietet.

Zudem erhalten die Bauern, ebenso auch die eigentlich vollständig  zuständige Gremien des Agrarreformministeriums, die Gerichtsentscheide meist wesentlich später als der Großgrundbesitzer und das Verfahren lässt auf sich warten. Mit ziemlicher Sicherheit kann hier also auch von unnötigen Verzögerungen gesprochen werden.

Auch zu weiteren CLOA-Gebieten ist den Landbesitzer_innen der Zugang verwehrt, so können sie von 70 Hektar Eigentum z. Z. nur 9 Hektar bewirtschaften.

Die Kultivierung eines hierzu gehörigen Grundstücks von 1,5 Hektar ist jedoch ebenfalls problematisch. Als Konsequenz aus der Bedrohung durch die Hacienda-Administration, die bereits versuchte auf diese 1,5 Hektar ihres Landes vorzudringen um es selber zu kultivieren, bewachen sie das betreffende Feld selbstständig.

Seit etwa einem Monat ist rund um die Uhr permanent die Hälfte der CLOA-Besitzer, ca. 30 TFM-Bauern, auf dem Feld. Sie leben, essen, trinken und schlafen in wechselnden Schichten neben dem, noch jungen, Zuckerrohr. Vor etwa 2 Wochen haben sie dort eine Bambushütte errichtet. Vorher schliefen sie in winzigen improvisierten Zelten aus Bambusmatten und alten Reissäcken, die nun den Paaren als nächtlicher Rückzugsort dienen. /ah/

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