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Spießig?

Früher, als ich jung war und in Deutschland vor Imbissbuden getanzt habe, haben mich Freunde und weniger gute Freunde darüber aufgeklärt, dass „die Leute“ komisch gucken. Mir wurde dann ans Herz gelegt, mich nicht auf offener Strasse zu amüsieren und doch lieber alleine zu Hause wenn keiner zusieht zu tanzen. Mit der Zeit habe ich dann gelernt, dass man sich in Deutschland zwar amüsieren darf, aber nur wenn man sich dabei nicht blamiert. Im Supermarkt soll man nicht tanzen, in der Disko schon – aber nicht wie ein Hampelmann, sondern cool und rhytmisch. Sonst lässt man es besser. Jemand, der so schlecht singt wie ich, sollte sich nicht aktiv an einem Karaoke-Abend beteiligen. Würde ich auch nie machen. In Deutschland ist das peinlich.
Manchmal fragen mich Freunde, ob ich mich freue, nach Deutschland zurück zu kommen. Ich sage dann, ja, schon, ich vermisse meine Freunde, meine Familie, die Perspektiven, das Essen, die Alternativen zu Nestle-Produkten und die Badewanne – aber ich finds da kalt. Und etwas spießig.

Abschiedsabend von Lukas
„Wieso spießig?“ fragen sie dann. Ja, hier tanzen und singen die Leute auf der Straße, wenn ihnen danach ist. Sie gehen Karaoke singen und tanzen, unabhängig davon ob sie es „können“, oder nicht. Niemand sagt, ich solle mein schlechtes Gesinge lieber für zu Hause aufheben. Die Partys sind relaxter, weil die Gäste weniger damit beschäfigt sind, sich nicht zu blamieren.

Es gibt die Geschichten der Rückkehrer. Sie waren eine Zeit in den Philippinen und kamen wieder nach Deutschland. Irgendwie angenehm sei es, dass man schlechte Handymusik nur von unerzogenen Pubertierenden ertragen muss, und dass im Laufe einer Busfahrt nicht 3 Mal das Lied „Pokerface“ läuft oder brutale Kriegsfilme bei voller Lautstärke gespielt werden. Aber kalt sei es in Deutschland, und leise, und die Straßen sind irgendwie leer. Man gewöhne sich schnell dran. Doch ich werde nach meiner Rückkehr wieder an Imbissbuden tanzen.  /iw/

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On Air

Radio hat als Informationsmedium eine grosse Tradition auf den Philippinen, der Sturz Marcos basierte bspw. auf einem Oppositionssender, über den die sich bildende Oppositionsbewegung verlässlichere Informationen erhalten konnte als über die gleichgeschalteten Medien unter Marcos. Die Stürmung von Kanal 4, einem Fernsehsender, und die Verteidigung des Senders durch Bevölkerungsmassen, die sich den Panzern in den Weg stellten, bildete hier einen Wendepunkt in der Geschichte der Philippinen.

Wir bei Radio Aksyon

Unser heutiger Tag begann mit einem Auftritt im regionalen Radio. Es ist der leichteste Weg viele Leute vor Ort über unsere Arbeit zu informieren und erreicht die Menschenrechtsverteidiger_innen besser als unsere Newsletter, da viele TFM Mitglieder diese Sendung regelmässig verfolgen. Darum waren wir schnell bereit uns auf diese Eskapade einzulassen. Auch wenn wir uns im Vorfeld nicht gerade wohl fühlten war es letztlich eine Gelegenheit, die wir wieder nutzen werden.

Wir konnten IPON und das Konzept hinter unserer Arbeit vorstellen, deutlich machen, dass es uns um die Einhaltungder Menschenrechte und nicht um die Implementierung des Comprehensive Agrarian Reform Programs (CARP) geht und über unsere Beochachtungen auf den Haciendas berichten. (Mehr Infos findet ihr in den Artikeln „Vor Ort die Fakten als Wirklichkeit erkennen“ über den Konflikt auf Hacienda Agueda, in „Hacienda Victoria“ und „Die Menschenrechtslage auf dem ehemaligen Landbesitz Teves“.) /ah/

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Ei ei ei – Balut!

Wir haben es hinter uns. Und sehr wahrscheinlich wird es für uns alle eine once-in-a-lifetime experience sein. Etwas, das getan werden musste, um es nun einmal getan zu haben. Balut essen ist so eine Sache – als die philippinische Spezialität schlechthin fast eine Verpflichtung es zu probieren, wenn man nicht ahnungslos bleiben will- und als ahnungslose Touristin erst recht nicht gelten will.

Von außen betrachtet ist Balut ein recht harmloses Ei, weiß und rund, und einfach nur Ei. Innen dagegen ist es ein befruchtetes, für zwei Wochen oder mehr ausgebrütetes Entenei, das gekocht und dann genussvoll als kleiner Snack verzehrt wird (so die Theorie, das genussvoll kann in unserem Fall allerdings definitiv gestrichen werden). Man bekommt es (nest-)warm in die Hand, pellt es oben (oder unten, Ansichtssache) ein bisschen und schlürft die lauwarme Flüssigkeit heraus, die etwas nach Hühnerbrühe schmeckt. Dann wird weiter gepellt, bis der Embryo zum Vorschein kommt und mit etwas Salz gegessen wird. Halbwegs erprobt können wir jetzt raten, bei eher schummerigem Licht das erste Balut zu essen. Dann schmeckt es so schlecht eigentlich nicht- vorausgesetzt man denkt nicht allzu viel und konzentriert sich krampfhaft auf den kulinarischen Aspekt.

Siebzehn Tage alt waren unsere ersten -und höchstwahrscheinlich letzten- Entenembryos, etwa vierzehn Tage sind die jüngsten Baluts- nach oben hin gibt es eigentlich keine Grenze (eventuell nur, wenn ein kleines intelligentes Entenküken sich für ein Frühschlüpfen entscheidet und damit möglicherweise sein Leben retten kann- genaueres darüber und über die Schlauheit von Entenjungen im Allgemeinen wissen wir allerdings nicht).

Beim älteren Balut sind dann naturgemäß schon Federn, Schnabelansatz und so weiter inklusive…

Dieses Balut ist zwei Tage jünger als die von uns gegessenen und hübsch angerichtet in Essigsoße

Man könnte natürlich auch einfach Chicken essen, das nicht nur in Bacolod (angeblich gibt’s hier philippinenweit das beste) sondern sowieso besser schmeckt und satt macht obendrein. Aber Balut wird eine aphrodisierende Wirkung nachgesagt, und nicht wenige scheinen davon fest überzeugt. So auch Teamkollege Steffen, regelmäßiger Balutesser, der den Satz „Balut gives you strong knees“ verinnerlicht hat und immer wieder gerne kundtut. Ob Steffen gehäuft Embryos verspeist, weil es so gut wirkt oder er immer noch hofft, das wollen wir so genau auch gar nicht wissen- seine Knie jedenfalls sehen bis jetzt noch ganz normal aus.

Für uns ist Balut erstmal gegessene Sache – und nach so einem Embryo ist Karaokesingen dann auch kein Problem mehr….. /fm/

P.s. An dieser Stelle beste Grüße an Lena Z. und ihr nächstes Frühstücksei!

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Cultureclash im Sprachkurs

Was ist mehr wert: Ein Auto, oder sein Fahrer? Die Syntax des Ilonggo gibt hier, zumindest soweit wir unserem Sprachlehrer glauben können, eine sehr deutliche Antwort: Das Auto ist wichtiger. Ein Fahrer – so die Argumentation – sei ja völlig austauschbar, ein Auto hingegen…

Unser Lehrer verweist auf die Situation auf dem philippinischen Arbeitsmarkt, wo gute Stellen rar, Arbeiter_innen hingegen zahlreich sind. Auch uns ist schon in vielen Situationen aufgefallen, dass es Arbeitsstellen gibt, die in Deutschland undenkbar wären, oder deren Sinn sich uns nicht unbedingt entschlüsselt. So gibt es eigens Angestellte mit der Aufgabe Kunden freundlich zu begrüßen, dafür stehen sie den ganzen Tag lächelnd in einer Uniform am Geschäftseingang. In unserem Stammkiosk arbeiten drei Menschen, in einer zehn Quadratmeter großen Bäckerei finden sich fünf Beschäftigte. Der Fahrer unserer Nachbarn beschäftigt sich tatsächlich etwa fünf Stunden täglich mit der Pflege des Prestigeobjekts Auto. Manchmal hilft ein weiterer Angestellter dabei die Rückspiegel und Türritzen, mit Zahnbürsten, zu polieren. Ziel sei es, die Originalfarbe des Autos immer wieder herzustellen. Mindestens drei weitere Hausangestellte erfüllen weitere Aufgaben, die in und um den Haushalt anfallen.

Wie genau wir den Wert von Autos, Menschen, Tellern und Kleidung etc. bemessen müssen, um korrekte Sätze auf Ilonggo bilden zu können, kann unser Lehrer uns wohl nicht so ohne Weiteres erklären. Nagapanghugas siya sang salakyan/ awto (Er wäscht das Auto) bleibt die falsche, oder zumindest höchst unübliche Form. Durch unsere Diskussion haben wir die „richtige“ Satzbildung im Passiv (Das Auto wird von ihm gewaschen) vorerst verpasst, aber immerhin steht dieser verkehrte Satzbau völlig im Einklang mit unserem Verständnis von Menschenwürde. /ah/

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