Archiv der Kategorie: Demonstration

Of Pork and Men

Wenn man derzeit die philippinischen Zeitungen aufschlägt oder sich die diversen Nachrichtensendungen im Fernsehen anschaut, so wird man unweigerlich mit dem dominierenden Thema der letzten Wochen und Monate konfrontiert – dem Pork-Barrel Scam Wörtlich übersetzt: „Schweinefaß-Betrug“. Dahinter verbirgt sich aber kein Lebensmittelskandal oder die fehlerhafte Handhabung von Schweinefleisch in Konserven, sondern einer der größten politischen Korruptionsfälle in den Philippinen der letzen Jahre. Durch ein kriminelles Geflecht von fiktiven Organisationen, Abgeordneten, Beamten und diversen Helfershelfern wurde der philippinische Staat über die letzten 10 Jahre um rund 10 Milliarden Philippinische Peso (PHP) betrogen – umgerechnet ca. 171 Millionen Euro.
Bevor wir den Ablauf der Ereignisse erläutern, klären wir zunächst kurz den Ausdruck. Der Begriff „Pork Barrel“ stammt aus dem amerikanischen Englisch des 19. Jahrhundert. Wie uns Wikipedia aufklärt, bezeichnet dieser im Allgemeinen Regierungsinvestitionen für regionale Projekte oder die Akquirierung von Geldern für den politischen Bezirk eines Abgeordneten: http://en.wikipedia.org/wiki/Pork_barrel. Heutzutage hat der Begriff in den Philippinen allerdings eine negative Behaftung. Er gilt als Inbegriff für Korruption und Verantwortungslosigkeit gegenüber guter Regierungsführung. Was ist genau geschehen und wie ist alles ans Licht gekommen?

Source: IPON 2013

Source: IPON 2013

Wie bei so vielen anderen Skandalen, war es zunächst reiner Zufall. Anfang 2013 kam zur Entführung von Benhur K. Luy, einem Mitarbeiter der Handelsgesellschaft JLN Corp. (Janet Lim Napoles Corporation). Dieser wurde 4 Monate später am 22. März in Bonifacio Global City vom National Buerau of Investigation (NBI) – welches auch die Untersuchung in dem Fall führt – befreit. Luy gilt als erster Zeuge (whistle-blower) in dem Fall, da er die Beamten über die Umstände seiner Entführung aufmerksam machte und sie auf die Spur der Verantwortlichen brachte. Wie sich dank der Aussagen fünf weiterer Angestellten von JLN Corp. herausstellte, war die Präsidentin des Unternehmens – Janet Lim Napoles, die Cousine von Luy – nicht nur für das Kidnapping verantwortlich, sondern darüber hinaus auch die Drahtzieherin hinter der massiven Veruntreuung von staatlichen Entwicklungsgeldern (Sie erhielt seit dem den Spitznamen Pork-Barrel Queen). Luy hatte sich in ihren Augen schuldig gemacht, da er sich über seine eigenen illegalen Geschäfte ein Stück vom Kuchen abschneiden wollte und mit der Entführung bestraft/mundtod gemacht werden sollte.
Eine umfangreiche Untersuchung wurde von Seiten des NBI gestartet. Nach und nach kam ans Licht, dass JLN Corp. ein Netzwerk von mindestens 20 fiktiven Nichtregierungsorganisationen (NGOs) erstellte, über die finanzielle Mittel von der staatlichen Entwicklungshilfe Philippine Development Assistance Fund (PDAF) abgegriffen wurden. Das Geld floss allerdings mehrheitlich in Napoles eigene Taschen sowie an diverse Mitglieder des Kongresses und weitere Regierungsbeamte. Der genauer Ablauf des Betrugs wurde von der nationalen Zeitung Philippine Daily Inquirer graphisch aufgearbeitet: http://www.inquirer.net/napoles/what-is-pdaf.
Interessanterweise wurde gegen Napoles bereits wegen eines früheren Falles aus dem Jahr 2004 ermittelt, indem es ebenfalls um die Veruntreuung und Korruption im Agrarsektor ging (dem Fertilizer Fund Scam). Sie war also kein unbeschriebenes Blatt, sondern parallel in mehrere Vorfälle verwickelt. Ihr Gesicht ziert seitdem landesweite sowohl Protestplakate als auch Medienberichte und sie zog sich die kollektive Wut der philippinischen Bevölkerung zu. Umso mehr als bekannt wurde, dass sie offiziell vom Präsidenten Benigno Aquino III. Hafterleichterung zugesprochen bekam, als Gegenleistung für ihre Zeugenaussage gegen weitere Verantwortliche. Dies führte eine Verlegung in ein Gefängnis mit besseren Haftbedingungen mit sich, was von der Öffentlichkeit ebenfalls auf Unverständnis trifft. Viele fürchten, dass die Drahtzieher sich ihrer gerechten Strafe entziehen können und eventuell sogar komplett unbehelligt bleiben.

Source: IPON 2013

Source: IPON 2013

Es erübrigt sich zu betonen, dass dieser Skandal und dessen Umstände das Vertrauen der Leute in ihrer Regierung zutiefst erschüttert. Wie bereits erwähnt, ist dies nicht der erste Korruptionsvorfall in der philippinischen Geschichte (Die Ferdinand Marcos-Diktatur gilt z.B. als eine Periode konsequenter und massiver Selbstbereicherung durch Eliten). Doch die gigantische Summe an verlorenen Geldern, kombiniert mit der in die neue Regierung unter Aquino gesetzten Hoffnungen auf Besserung, führen zu der momentanen Frustration.
Auf der anderen Seite, inspirierten die Ereignisse eine Reihe organisierter Proteste in mehreren philippinischen Städten. Tausende mit selbstgebastelten Schweinemasken und inspirierenden Slogans bewaffnete Filipinos gingen dabei auf die Straße. Auch wenn diese Aktionen den Druck vergangener Massenproteste – welche bereits Marcos und Präsident Joseph Estrada aus dem Amt vertrieben – vermissen lassen, so sind sie dennoch ein Symbol aktiver Zivilgesellschaft. Es bleibt zu hoffen, dass dadurch auch die Politik ihre Lehren zieht und eine bessere Kontrolle staatlicher Gelder etabliert. Aber was auch immer die Konsequenzen der andauernden Ermittlungen sein werden, so ist es gut zu wissen, dass die Menschen sich nicht selbst durch Politikverdrossenheit abschrecken lassen und weiter aktiv ihre Meinung zu aktuellen Themen kundtun.

Source: IPON 2013

Source: IPON 2013

Mehr zu diesem Thema gibt es bei dem Spezialreport auf der Webseite des Philippine Daily Inquirer: http://www.inquirer.net/napoles

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Aquino’s SONA – The Aftermath

As the streets of Manila cleared after a particular busy day on Monday – busy even by the high standards of the rowdy Metro area – we take a look back and assess the dominant topic of the week.

It has been quite an eventful past couple of days for us IPON Observers on Negros as well. Amongst Hacienda tours and visits to government officials, we kept a watchful eye on the highly anticipated State of the Nation Address (or SONA, as it is colloquially known in the Philippines) by President Benigno S. Aquino III. Accompanied by violent protests in Manila, including the occasional burning of Aquino-like puppets in the streets of the Capital, the President went on, unimpressed, to deliver his speech. As we pointed out in our last blog, it was a point of great interest amongst many activists whether or not he would address the subject of human rights abuses in the Philippines and the current process of the CARP.  Our partner organisation Task Force Mapalad (TFM) had already announced beforehand that if Aquino would not follow up on his promises to announce measures to curb the ongoing violations of international human rights – or at least acknowledge the very existence of such problems – and bring the CARP Reform to a satisfying conclusion, they would answer with a protest march on Manila. Before we go any further and consider the consequences, let’s take a quick look at the speech itself. President Aquino did indeed not comment on the human rights situation in his country right now. The general focus of the SONA was on economic topics – complete with a great many statistics and numbers to stress the current upward trend – and the pledge to fight corruption and promote transparency. Now, measures to emphasise good governance are indeed noteworthy and their implementation a necessary tool to increase government performance, but surely that is no reason to ignore the other big problems that exist in Filipino society. Violations and abuses of human rights are still very much present and the perpetrators can still be found among state actors. Ignoring this is a fatal sign that arbitrary judgement continues to be an official matter.

Source: Asian Correspondent, www.asiancorrespondent.com

Source: Asian Correspondent, www.asiancorrespondent.com

What Aquino actually did, was to comment on the CARP process. Or, to be more precise, he briefly mentioned the ongoing land reform on his very own Hacienda Luisita and acknowledged delays with regard to the program as a whole. In addition, he had some tips for independent farmers on how they would be able to make some extra income by planting additional crops. The transcript of the relevant paragraph can be read here: 

If there is one topic my name is often associated with, that would have to be Hacienda Luisita. I would like to inform you that back in February, in compliance with the decision of the Supreme Court, the Department of Agrarian Reform has completed the list of qualified beneficiaries for the land in Luisita. According to Secretary Gil de los Reyes, the process to determine the beneficiaries’ lots began last week, and the turnover of these lots will begin in September of this year.

As for other large tracts of land: We have long tasked the DAR, DENR, LRA, and Land Bank to develop a framework for speeding up the parceling out of land. I would like to remind everyone: Correct data is the first step to the orderly implementation of CARPER. But we inherited a land records system that is problematic and defective. This is why, from the start, the DOJ, LRA, DENR, and DAR have worked to fix this system, and now we are at a point where we can guarantee that in the next year, all notices of coverage will have been served for lands covered by comprehensive agrarian reform.

Considering the length of the SONA this brief reference is wholly unsatisfying, both for us as human rights observers, as well as for the farmers affected. Indeed, the process of land segregation at Hacienda Luisita is far from over, with several groups still vying for possession of land. Furthermore, problems with correct data surveys still hamper proper land processing and it remains doubtful that the CARP can be properly finalized within the tight deadline until next year.

The TFM will therefore make their voices be heard and try to get the country’s and the President’s attention when they organise their rally in Manila. Said protest is planned to start in early August and will last as long as the farmers do not receive an appropriate response from the government. We will continue to monitor the situation to make sure that human rights defenders can undertake their protest march actions free from threats or violence.

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SONA 2013 – Great Expectations

Leaving a dusky and rainy weekend behind, the IPON Negros team happily goes into another week in Bacolod.  The sun seems to have awaken from its temporary lethargy and an aura of sunny peace and tranquility has been surrounding the routine in our neighbourhood from very early hours.

For us three, as a brand-new team in Negros Occidental, every Monday is accompanied by the excitement and expectations of new events and activities to come: contacts being forged among the Task Force Mapalad (TFM) Hacienda farmers’ representatives, old cases from former teams being relived and reviewed and discussions raised on potential projects to be launched during the next months.

But today’s Monday is not one like any other.

Today, President Benigno S. Aquino III is holding his fourth State of the Nation Address (SONA) since him entering his role back in May 2010. The SONA is mandated by the 1987 Constitution and is an annual address by the President of the Republic of the Philippines to the Filipinos through a Joint session of the Congress of the Philippines. The speech is being held today at 2pm in the Batasang Pambansa Complex in Quezon, the same venue where Corazón Aquino, the mother of the current President, held her first SONA upon the re-establishment of the Congress in 1987.

Source: Official Gazette of the Republic of the Philippines, http://www.gov.ph/

From the perspective of our mature and well-established European democracies, this annual event may be seen as a mere occasion for the government to highlight its achievements and leave aside any performance failures since last July 2012. However, the overall feeling here in the Philippines today is far different from such a view. There are great expectations and hopes connected to today’s SONA as Aquino is facing a much more demanding audience, eager to obtain palpable results of his numerous promises. Unlike previous SONAs of his presidential term, a standard discourse shaped and tinged by the good intentions after the take-over from the Gloria Macapagal-Arroyo’s administration will not suffice.

One of this demanding social actors is our partner organization TFM, whose next steps and actions, including a possible protest march in Manila in August (s. our blog entry Promised Land) are closely dependent upon the attention paid today by Aquino to land issues and the effective implementation of the Comprehensive Agrarian Reform Programme (CARP, Republic Act NO. 6657 as amended by RA 7881, 7905, 8532 and 9700).

But not only will the speech this afternoon affect TFM’s objectives and priorities and thus indirectly IPON’s agenda in Negros: a protest rally against the SONA and the Aquino government itself has been organized by different filipino and foreign human Rights non-government organizations, community and advocate groups concerned about the human rights situation in the country, all of them coordinated under the umbrella of  the global network International Conference for Human Rights and Peace in the Philippines (ICHRPP).

Human rights violations are expected to constitute one of the issues addressed by the President today, reacting to the demands of these groups for accountability of state crimes such as  extrajudicial killings and enforced disappearance commited mainly by the  military and other state security forces during the previous decade. This, together with the desire for freedom for political prisoners and a stop on militarization of rural communities should require a direct approach by Aquino to the Armed Forces of the Philippines (AFP) and the Philippine National Police (PNP) during his speech today.

As the day moves forward into noon, our expectancy and hopes, too, increase on this regular Monday morning. We look forward to offer you an update,  upon delivery by the President, as soon as the speech is available in English.

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Promised Land

On the occasion of the 25th anniversary oft the Comprehensive Agrarian Reform Program (CARP), Task Force Mapalad (TFM)organized a peaceful protest in line with the non-violent approach upon which the organization relies .

It was back in 1988 when President Corazon C. Aquino launched the CARP. Now, 25 years later, almost 3,000 Human Rights Defenders of TFM gathered at the Lagoon in Bacolod City on June 10 in order to claim their rights.
After marching along the City Hall and the Fountain of Justice  the participants gathered in front of the Department of Agrarian Reform and collectively acclaimed the Government’s president carrying banners with the following motto: „Pinoy, Fulfil your Promises, Pinoy, no more excuses“.
After the protest, TFM had organized a dialogue with several officials of the Department of Agricultural Reform (DAR) to support their claims and demands with arguments and facts. As of today, it has still only be a fraction of the Promised Land that has been transferred to the farmers. This is why they demand from President Benigno Aquino III to keep up to his promises and install the missing lands effectively implementing the agrarian reform program. „We will no longer wait for the president to act; we will move him to action“ says TFM Negros Präsident Alberto Jayme.
Even if those Human Rights Defenders we talked to during the demonstration have high expectations in President Aquino, they are also aware of the fact that „it has been 25 years of the government’s CARP and still vast haciendas remain undistributed“.

Motto: Fulfill your promises

Motto: Fulfill your promises

 Fulfill your promises

Due to this unbearable situation, TFM alredy organized several protests and other actions in the past, such as the hunger strike in Manila last year, which  seeked to remind the President of his poor performance in the area of agrarian reform and agricultural productivity.

The example named above was one of the rare achievements when it comes to major concessions from the President, as he agreed to interact personally with the Human Rights Defenders during a meeting in Manila in June 2012. As a result of that encounter, he made some promises to the protesting TFM-Members. Among other things, he ensured a large annual budget allocation and promised to mobilize the military and the police to guarantee a peaceful installation of Agrarian Reform Beneficiaries (ARB). However, the most important commitment was to „fully implement CARP by 2014“.
In his online short biography President Aquino also acknowledges his „willingness“ to bring the CARP forward: „My hope is that when I leave office, everyone can say that we have travelled far on the right path.“
Regarding his poor balance fulfilling his promises there is not much hope for the Agrarian Reform Beneficiaries and Human rights defenders that he will finally stick to his own believe and accelerate the implementation of the CARP.

TFM waiting in front of the DAR

TFM waiting in front of the DAR

No more excuses

By the time the former President ended his legislature, the Government had in total only distributed a small fraction of land. Summing up the land that was not transferred then plus the land Aquino himself must distribute during his governing period,  he is still in charge to perform the installation of over 1 million hectars of assigned land during his term. Yet until december 2012 he was not even close to this number. The government had distributed only a humble 21% which represents the worst score since the CARP was launched in 1988.

On top of that, the advocacy group Sulong-Carper revealed that the Aquino administration had been trying to cover its failure by pretending to have distributed more land than they had in reality. Sulong-Carper’s letter to President Aquino May 28, 2013 argues that his administration claimed to have distributed 113,866 hectares last year but official records of the Land Registration Authority (LRA) showed that the government only distributed 59,837 hectares.
This is the main reason for the scepticism surrounding the President current promises of 1 million ha. to be installed until the CARP funding expires in June 2014. The prospect is consequently often assessed as remote.
Inspite of this failure, the Department of Agrarian Reform still claims to have „undertaken enough measures and reforms necessary to complete the land distribution“. According to DAR Undersecretary for Operations, Jose Z. Grageda, the DAR „remains optimistic that the balance of „carpable“ lands will be acquired by the DAR and distributed to qualified beneficiaries before June 2016“. Furthermore they presented the recently distributed Hacienda Victoria (Nach einem Jahr warten: Menschenrechtsverteidiger können ihre Felder wieder betreten ) as „part of the DAR´s ongoing efforts“. From the ARB´s perspective, the case Victoria rather represents an exeptional case of succesful installations.
Furthermore, Aquino accepts that some DAR employees who are not in favor of the ARBs do not feel pressured by the government to implement its orders.
The current situation concerns TFM as the June protest march shows: „The DAR´s failure to efficiently pursue its function for several years caused a huge backlog.“ The slow pace of some DAR officers might lead to the assumption that the agrarian institution just wait to be laid off with a compensation payment by the end of the CARP funding.
TFM member Gerry said during the protest: „We do not only hope that the President will stick to his promises but we expect him to act immediately. We are already organizing the next nationwide protest campaign in case Aquino does not react. He must do everything in his power to show that he means business!“
The HRD of TFM have proven once again their commitment to the use of non-violent protest. Like the Protest march in 2011 which was also accompanied by IPON fortunately the protest march was not interrupted by any inconveniences and the HRD were able to protest peacefully.

IPON observing the protest of HRD

IPON observing the protest of HRD

However, IPON is concerned about the insufficient commitment of the DAR and the President towards human rights. As during the process of distribution many land conflicts arise and HRDs are especially endangered a quick implementation of the CARP and a succesfull distribution of land is necessary to improve the human rights situation in Negros Occidental.

 

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Landbesetzung als letztes Mittel: MenschenrechtsverteidigerInnen handeln – staatliche Akteure weiterhin passiv

Der Kampf um das Recht auf Land auf der Zuckerinsel Negros ist oft sehr kräftezehrend und kann sich über Jahre hinweg ziehen. Die derzeitige Situation auf der Plantage „Carmenchika“, gelegen in der kleinen Stadt Pontevedra, verdeutlicht, dass die MenschenrechtsverteidigerInnen (MRV) sogar bereit sind, ihr Leben zu riskieren, um ihre Rechte mit friedlichen Mitteln versuchen durchzusetzen und die verantwortlichen staatlichen Akteure damit endlich zum Handeln zu bewegen.

HRD von Hacienda Carmenchika errichteten ein Zeltlager auf dem besetzten Stück Land.

HRD von Hacienda Carmenchika errichteten ein Zeltlager auf dem besetzten Stück Land.

Nachdem die MRV bereits im Dezember vergangenen Jahres bei einem zweimonatigen Camp Out vor dem Departement of Agrarian Reform (DAR) in Manila ihrem Anliegen Ausdruck verliehen haben und nachdem einige von Ihnen sogar in den Hungerstreik getreten sind, um die verantwortlichen Akteure durch steigende Öffentlichkeit zum Handeln zu bewegen, entschieden sich die FarmerInnen von Carmenchika jetzt, zu einem weitaus gefährlicheren Mittel zu greifen. Aufgrund von Streitigkeiten über das Pachtverhältnis können die FarmerInnen seit Februar 2012 ihr Zuckerrohrfeld nicht mehr betreten und bearbeiten. In den frühen Morgenstunden des 6. Mai besetzten sie das Feld, für das sie bereits seit Jahren einen Landtitel besitzen. IPON-Observer fuhren noch am selben Tag in die Area, um sich ein Bild von der Situation zu machen und mit den MRV zu sprechen. Insgesamt 50 FarmerInnen besetzen derzeit das Land und rechnen damit, dass eine Konfrontation mit der gegnerischen Seite nicht auszuschließen ist. „Wir hoffen, dass es bis zu den Wahlen am 13. Mai vorerst ruhig bleibt. Wir gehen davon aus, dass der Vorarbeiter des ehemaligen Landbesitzers keine negative Presse möchte, da sein Bruder für das Amt des Bürgermeisters amtiert“, sagte uns der Anführer der FarmerInnen. Dies sind jedoch reine Spekulationen, denn die Vergangenheit hat die MRV gelehrt, dass der Vorarbeiter aggressiv und drohend auftritt und Beziehungen zu Security Guards nutzt, um die MRV einzuschüchtern. Dani Gaban, Provinzkoordinator von Task Force Mapalad (TFM), rechnet fest mit Ausschreitungen und Bedrohungen: „Spätestens dann müssen die Akteure aktiv werden und können nicht mehr wegsehen und Menschenrechtsverletzungen ignorieren“, erklärt er IPON die hinter dem Protest liegende, implizite Strategie.

IPON Observer sprachen mit den HRD über ihre Strategie der Landbesetzung

IPON Observer sprachen mit den HRD über ihre Strategie der Landbesetzung

Obwohl mittlerweile das höchste Gericht in Manila, das DARAB, zuständig für Agrarreform-Fälle, den Streit um den im Jahr 2011 ausgelaufenen Pachtvertrag zu Gunsten der FarmerInnen entschieden hat, gab es bis Dato keine offizielle Landübergabe. De facto müsste das DAR auf Grundlage der Entscheidung eine offizielle Landübergabe durchführen. Da bei dieser jedoch die Assistenz von der Polizei und des Militärs rechtlich gefordert ist, scheitert diese Übergabe derzeit. Bisher weigert sich die Polizei der Landübergabe beizuwohnen, da sie sich auf ein noch anhängiges Verfahren vor dem Zivilgericht in La Carlotta beruft: Die Seite des ehemaligen Landbesitzers vertritt die Meinung, dass der abgeschlossene Pachtvertrag nicht zwangsläufig in die Gerichtsbarkeit des DARAB fällt, sondern lediglich ein Vertrag zwischen dem derzeitigen Management und den FarmerInnen ist und folglich zivilrechtlich behandelt werden müsste. Angestellte des DAR, sowie die Organisation TFM, die sich für die Rechte der FarmerInnen einsetzt und auch die MenschenrechtsverteidigerInnen von Carmenchika unterstützt, berufen sich eindeutig auf die im April ausgesprochene und nicht anfechtbare Entscheidung des DARAB.
Und dennoch stellt sich die Frage, weshalb dann das DAR nicht handelt und das Land offiziell übergibt und somit ein klares Statement setzt. IPON sprach mehrmals mit Angestellten des DAR – diese verstecken sich jedoch hinter der Aussage, dass sie ohne die Assistenz der Polizei die Landübergabe nicht durchführen können. Obwohl die Polizei dazu verpflichtet ist Landübergaben zu begleiten, berufen sie sich auf das noch laufende Verfahren in La Carlotta, weil sie eine Anzeige vom ehemaligen Landbesitzer fürchten, wenn sie das Zivilgericht ignorieren.
Nach monatelangen Recherchen und Gesprächen mit den MenschenrechtsverteidigerInnen, Mitgliedern von TFM und auch Angestellten des DAR zeigt sich für die Observer von IPON, dass die Untätigkeit des DAR und der Polizei nicht schlicht auf die komplizierte Lage aufgrund der beiden involvierten Gerichtsbarkeiten zurückzuführen ist. Ein dahinterliegender und scheinbar einflussreicherer Faktor kristallisierte sich mit der Zeit immer mehr heraus: Angst. Angst vor den Machenschaften und einflussreichen Beziehungen des vorherigen Landbesitzers und seiner ihm loyalen Angestellten, deren Kontakte zur lokalen Polizei, zum Bürgermeister und sogar bis hin zu Politikern auf nationaler Ebene reichen (für mehr Informationen zu persönlichen Machenschaften s. IPON-Blog Artikel „Wenn eine Hand die andere wäscht…“ https://iponnegros.wordpress.com/2013/04/23/wenn-eine-hand-die-andere-wascht/). „Aufgrund der persönlichen Verstrickungen und des Einflusses der involvierten AkteurInnen wird die Zuckerrohrplantage Carmenchika auch als „high profile hacienda“ und als „very sensitive area“ bezeichnet. Ein Vorarbeiter des Landbesitzers trägt den Spitznamen des „notorious warlord“, u.a. auch weil er nicht davor zurückschreckt, seinen Willen mit Hilfe von (Waffen-)Gewalt durchzusetzen.
Was bleibt einem als FarmerIn übrig, wenn man sich mit all diesen Umständen konfrontiert sieht? Wenn man davon ausgehen muss, dass die lokale Polizei keine Hilfe ist, weil sie nicht objektiv handelt und von persönlichen Beziehungen beeinflusst ist? Wenn man davon ausgehen muss, dass Angestellte des DAR, deren Aufgabe es ist, die verfassungsmäßig festgeschriebene Agrarreform umzusetzen, selber Angst haben aktiv zu werden? Wenn alle bisherigen Formen des friedlichen Protests seit Monaten im Sande verlaufen? Wenn man weiterhin nicht sein Land betreten und kultivieren kann und somit täglich darum kämpfen muss seinen täglichen Lebensbedarf zu decken? Eine Antwort lieferten die MenschenrechtsverteidigerInnen mit ihrer friedlichen Landbesetzung an diesem Montag.

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Lakbayan 2.0: Erfolge beim Dialog mit den staatlichen Behörden

TFM in Euphorie

Während sich TFM üblicherweise eher als herausfordernder Akteur einer aktiven zivilen Opposition gibt und in sich nur distanziert und bisweilen wenig positiv über die staatlichen Behörden äußert, ist es diesmal anders. Präsident Aquino habe die Erwartungen der Bauernvereinigung nicht erfüllt sondern sogar übertroffen und TFM gibt sich zuversichtlich, dass die Landreform in der verbleibenden Zeit bis 2014 wenn das Reformprogramm ausläuft zum Großteil abgeschlossen werden kann.
Als die Bauern nach dem „Lakbayan“ in Negros (siehe vorhergehender Artikel) Anfang Juni in Manila ankamen und durch Demonstrationen, Kundgebungen und Protestkationen den Präsidenten aufforderten, mit ihnen in Dialog zu treten, waren zunächst keine Fortschritte ersichtliche. Ein Dialog wurde zwar (wie auch schon bei vergangenen Protestaktionen in Manila) zugesagt; allerdings ohne genauen Termin und Präsident Benigno S. Aquino befand sich auf Auslandsreise in Großbritannien und den USA.Foto von Corinna Sinzin Juni 2012
Die Bauern bemängeln Aquinos fehlenden Willen, das Landreformprogramm (CARP) wirklich durchzusetzen. Präsident Aquino, selbst Großgrundbesitzer der berüchtigten Hacienda Luisita, habe in der Vergangenheit weder eindeutig Stellung gegenüber der Landreform bezogen, noch die nötigen finanziellen und personellen Ressourcen zur Verfügung gestellt um das CARP durchzusetzen, das seine Mutter und damalige Präsidentin Corazon Aquino 1988 als Kernprogramm für soziale Umstrukturierung und Gerechtigkeit auf den Wege brachte.

Ein Fast-Hungerstreik macht Aquino Beine

Fest entschlossen, Aquino diesen Durchsetzungswillen regelrecht aufzuzwingen und ein konkretes Datum für einen Gespräch genannt zu bekommen, ließen rund 270 TFM-Bauern dann am 13. Juni verlauten, sie werden in den Hungerstreik treten -eine Protestform, derer sich TFM häufig und oft auch mit Erfolg bedient. Unterstützung erhalten die Farmer dabei neben TFM auch von der Philippinischen Bischofskonferenz (CBCP), Caritas in Manila, wo die Farmer mit einer Unterkunft und Essen versorgt werden, was nach dem langen Marsch und dem tropischen Sturm Guchol dringend nötig war und der „Medical Action Group“. Letztere unternahm auch die Voruntersuchung der durchnässten und ausgemergelten Bauern für den Hungerstreik. Kaum war diese abgeschlossen und die Bauern gerade dabei, auf jegliche Nahrungsaufnahmen zu verzichten, meldete sich das Präsidentenbüro und bereits am 14. Juni saßen die Bauern mit Aquino in der „Heroe’s Hall“ des Präsidentenpalastes an einem Tisch.
Während die Verhandlungen noch weitergehen und TFM betont, den Hungerstreik nur vorübergehend ausgesetzt zu haben und selbigen bei fehlender Umsetzung der vielen Zusicherungen sofort wieder aufnehmen zu können, hat sich Aquino bereits einige für die Bauern essentielle Beteuerungen entlocken lassen:
So soll das Reformprogramm auch nach dem offiziellen Auslaufen 2014 noch für alle Grundstücke fortgeführt werden, die bis dahin registriert und in den Prozess aufgenommen wurden. Das soll folgendermaßen geschehen: Die Priorität liegt bei Grundbesitzen über 25ha, die alle bis Dezember diesen Jahres erfasst werden sollen, die restlFoto von Corinna Sinzin Juni 2012ichen Grundstücke sollen bis spätestens Juli 2013 folgen. Angesichts der bisherigen Erfolge und der riesigen Menge an ausstehenden Flächen ist das Ziel sehr ehrgeizig; TFM ist aber natürlich trotzdem sehr zufrieden. Besonders das Aquino auch zusätzliche Finanzmittel in Höhe von 1 Milliarde Peso (rund 18 Millionen Euro) versprochen hat, wovon ein Drittel sofort verfügbar gemacht werde. Schließlich hat der Präsident auch noch versichert, korrupte oder notorische parteiische DAR-Angestellte zu entlassen und durch neues Personal zu ersetzen. In den Philippinen, wo Vetternwirtschaft, Korruption und freundschaftliche Verstrickungen im Beamtensystem oft anzutreffen sind, würde dieses harte Durchgreifen einen aufrichtigen politischen Willen bezeugen und gilt TFM deshalb viel. Einige Beamte des Agrarreformministeriums müssen ihren Tisch bereits bis Ende des Monats räumen.

Und die Menschenrechte?

Aus menschenrechtlicher Sicht ist diese Übereinkunft der Bauern mit der politischen Führungsspitze natürlich zu begrüßen, abzuwarten bleibt jedoch die Tatsächliche Umsetzung der Versprechen durch die lokalen Beamten in der Provinz. Nur wenn diese auch hinter diesem verlauteten Kurs stehen und die Reform zügig umsetzen wird der potentielle Konfliktrahmen minimiert. Den Widerstand der Großgrundbesitzer bleibt aber weiter bestehen; für uns bleibt zu hoffen, dass die erhitzte Stimmung gegen Ende des CARP nicht in bewaffneten Auseinandersetzungen entlädt. /Text:tl;Fotos:cs/

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Landesweiter Protestmarsch – die „Letzten zwei Minuten“ laufen aus

Auf Negros Occidental sind TFM-Bauern (Task Force Mapalad – philippinische Bauernvereinigung) am 6. Februar zu einem dreitätigen Protestmarsch aufgebrochen. Unter dem Motto „Die letzten zwei Minuten“ liefen zwei Gruppen von TFM-Bauern los um sich für eine Beschleunigung der CARP-Landreform (Comprehensive Agrarian Reform Program) einzusetzen und die verantwortlichen staatlichen Stellen auf ihre Situation aufmerksam zu machen.

TFM-Bauern auf ihrem Protestmarsch Richtung Bacolod. Foto by Jimmy Domingo/TFM

José Rodito Angeles, ehemaliger TFM-Sprecher und Bauernführer der Hacienda Grande, betonte die Dringlichkeit dieses Anliegens und sagte, das Jahr 2012 biete die letzte Möglichkeit für die Implementierung des CARPs, da im nächsten Jahr auf Negros lokale Wahlen stattfinden. In der Regel heißt dies, dass bereits bestehende Anträge dadurch hinausgezögert werden oder die neu gewählten Politiker nicht durch eine ´Politik der Ellenbogenmentalität´ anecken möchten. Interessen der wohlhabenden Elite haben dadurch Priorität, ihre Interessen gilt es durchzusetzen. Zudem sei die Regierung, so Angeles, nicht wirklich an einer erfolgreichen Umsetzung der Landreform interessiert: “Our Lakbayan1 is not just for our land and our families. We march for all of the farmers disfranchised by the government when they lost interest in pursuing agrarian reform and chose to turn away from the pleading farmers. We call on other farmers to join us in putting a stop to the deafening silence of P-Noy (Spitzname des Präsidenten) and the disheartening low accomplishment of DAR. If we would not act now, we might be too late.” Zu leiden haben die Bauern, die zwar bis 2014 noch die Möglichkeit haben einen Landantrag zu stellen, dies jedoch auf Grund des langwierigen Prozesses der Antragstellung zeitlich kaum noch zu schaffen ist. Das für die Landumverteilung zuständige Department of Agrarian Reform (DAR) in Bacolod verfehlte ihr für die Jahre 2010 und 2011 eigens gesetzte Ziel; weniger als die Hälfte der im letzten Jahr zu verteilenden Fläche beispielsweise wurde den Bauern zugesprochen. Eine ebenso traurige Bilanz wird erkennbar, blickt man zurückschauend auf den gesamten Zeitraum der Landreform: Das DAR in Bacolod verteilte lediglich fünf Prozent der zu verteilenden Fläche, nämlich 1.151 Hektar von 23.323 Hektar.

Diese Ausweglosigkeit und Hoffnungslosigkeit war den Bauern auf dem Protestmarsch deutlich anzumerken. Unterstützung erhielten die Bauern von kirchlicher Seite. Sie segneten und beteten nicht nur für die Bauern am Ende ihrer Messe, Priester boten den protestierenden Bauern auch ihre Kirchen zur nächtlichen Unterkunft an.

Protestaktion in Bacolod Februar 2012 Photo by Jimmy Domingo/TFM

Protestaktion in Bacolod; Februar 2012. Foto by Jimmy Domingo/TFM

Protestaktion in Bacolod Februar 2012 Photo by Jimmy Domingo/TFM Ausgangspunkt waren zum einen die Stadt Cadiz, im Norden von Negros und La Castellana, im Landesinneren der Insel. Innerhalb von drei Tagen sollte eine 65 km lange Strecke zurückgelegt werden, um am 9. Februar gemeinsam vor dem Department of Agrarian Reform in Bacolod zu demonstrieren. “We will no longer wait for the president to act; we will move him to action. We have waited all our lives,” sagte TFM-Negros Präsident Alberto Jayme. Symbolisch wurde dem Präsidenten und dem zuständigen Agrarreformminister Delos Reyes der „Kalabasa Award“ (wörtlich: Kürbispreis) verliehen, ein Preis der besonders schlechte Leistung auszeichnet. Nach einem Gottesdienst des Bischofs von Bacolod Navarra, der für den weiterführenden Protestmarsch der Bauern betete und ihnen einen Brief für den Präsidenten übergab, bestieg eine Delegation der Bauern am 09. Februar die Fähre Richtung Manila. Dort trafen weitere Protestgruppen aus Batangas und dem nördlichen Teil von Mindanao ein um vor dem DAR National gemeinsam ein Protestcamp aufzuschlagen. Überschattet wurde die Aktion von der Verhaftung friedlich demonstrierender Bauern, die am 14. Februar von Sicherheitskräften des Regierungssitzes abtransportiert wurden. Sie sollen das Protestverbot für Malacañang, dem Wohnsitz und des Büros des philippinischen Präsidenten, missachtet haben. Zwar wurden die 29 Bauern nach wenigen Stunden wieder entlassen, aber ein fader Beigeschmack des Nichtwillkommenseins bleibt. Das Versprechen des Präsidenten, sich für eine erfolgreiche Landreform einzusetzen, ist in den knapp zwei Jahren seiner Amtszeit nicht eingehalten worden. Im Gegenteil: Die Bauern bezeichnen Präsident Aquino als den Präsidenten, unter dem die Landreform am schlechtesten umgesetzt wurde./dka/

1Lakbayan: Setzt sich zusammen aus „Lakbay“ (=Reise) und „Bayan“ (=Nation).

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