Hacienda Carmenchica probt den Aufstand, Alonso schlägt ihn nieder

Eckdaten:

Landgröße: 519 (ha)
Lage: in Pontevedra, an der Westküste von Negros
Anzahl der involvierten Bauern*: 252
Landbesitzerin: Francisca „Kitchie“ C. Benedicto
 

Schon seit 1999 gibt es auf Hacienda Carmenchica Bauern, die im Zuge der Agrarreform Land zugesprochen bekommen haben. Wie auf vielen Haciendas ist unsere Partnerorganisation TFM nicht die einzige Bauernvereinigung, die in Carmenchica aktiv ist. Während einige Bauern schon seit 2003 ihr Land selbständig, friedlich und unbehelligt bearbeiten, gibt es zwischen anderen Bauern und der Universal Equity Corporation (UEC) große Probleme.

Die Bauern von Hacienda Carmenchica in einer für uns einberufenen Versammlung. Ganz rechts: Bauernführer Ayan

Die UEC ist ein Agrarunternehmen, das schon lange in Carmenchica aktiv ist und bei welchen die Bauern früher auch selbst als Angestellte arbeiteten, als sie noch kein eigenes Land besaßen. Nachdem die Bauern aber durch die an sie während der Agrarreform verteilten Landtitel selbst Landbesitzer wurden, verpachteten sie ihr eigenes Land an die UEC zurück und arbeiteten wieder als Angestellte auf ihrem Land, wie sie es schon davor zu tun pflegten. Allerdings ist die Corporate Secretary der UEC, Juliet Marie D. Ferrer, die Tochter der Landbesitzerin Kitchie Benedicto und somit ist das Land de facto wieder in den Händen der ehemaligen Landeigner.

Das Pacht- und Arbeitsverhältnis zwischen den Bauern und der UEC verläuft auch nach 2009 zunächst problemlos und vielversprechend, als der erste Pachtvertrag (von 2006 bis 2009) bis 2011 verlängert wird. Nur vier Tage nach Auslaufen dieser Verlängerung, am 12. Oktober 2011, kommt es zu dem grundlegenden Konflikt, der bis heute nicht geklärt ist: Während 48 Bauern nun ihr Land selbst bearbeiten wollen beharrt die UEC auf den Pachtvertrag, der nach ihrer Ansicht bis 2015 verlängert wurde. Als Reaktion auf das Vorgehen der Bauern reicht die UEC am 13. Oktober 2011 eine Klage beim zuständigen Gericht gegen die 48 Bauern wegen „gewaltsamen Eindringens“ tags zuvor ein.

Bemerkenswert ist der Anhang der Anklageschrift: Dieser enthält nämlich unter anderem den von allen Bauern unterschriebenen und notariell beglaubigten Pachtvertrag bis zum Jahr 2015. Die Bauern behaupten jedoch, die UEC habe den Vertrag gefälscht, indem sie die Unterschriften der Pachtzahlung von 2009 entnommen haben. Damals, so die Bauern, haben sie als Bestätigung über den Erhalt der Pachtzahlung von der UEC für die Jahre 2010 und 2011 ein einseitiges,

mit nichts anderem als nummerierten Linien vorbedrucktes Papier unterschrieben. Die Verlängerung des Pachtvertrages hätten sie wie auch schon den ersten Vertrag von 2006 lediglich mündlich mit der UEC beschlossen.

Es steht also der notariell beglaubigte Pachtvertrag gegen die Aussage von 48 Bauern. Doch nachdem die Bauern am 12.10.11 wieder Besitz von ihrem Land ergriffen haben, will sich die UEC und deren Manager vor Ort, Edgardo Alonso, nicht damit abfinden, die juristische Klärung des Streitfalls abzuwarten. Statt dessen versucht die UEC ab dem 13 November 2011 wiederholt, die Bauern von den Feldern zu vertreiben. Alonso rückt mit Polizei- und Militärkräften, bewaffnetem Sicherheitspersonal und Traktoren an, um Grenzsteine, Hütten und Behausungen der Bauern nieder zu reißen. Dabei fallen auch Schüsse und Bäuerinnen müssen sich vor den dicht auffahrenden Traktoren in Sicherheit bringen. Die vielen anwesenden Polizisten schreiten nicht ein und sechs Bauern berichten außerdem, sie seien von Polizisten der „5th Maneuver Platoon” (eine Art Sondereinsatz-Kommando) gefesselt und zwei Bauern auch von den Polizisten getreten worden, als sie sich mit dem Gesicht nach unten und auf dem Rücken gefesselten Händen auf den Ackerboden legen mussten.

Einige dieser Vorfälle haben die Bauern bei der Polizei zu Protokoll gegeben. So hätte Alonso ihnen zum Beispiel trotz wiederholter Aufforderung nicht den Gerichtsbeschluss gezeigt, der ihn angeblich zur Niederreißung der errichteten Hütten befugt. Abgesehen davon habe die Polizei ihren schriftlichen Einsatzbefehl („mission order“) den Bauern trotz expliziter Anfrage nicht ausgehändigt, dieser gibt unter anderem Auskunft über Anzahl und Art der verwendeten Dienstwaffen.

Seit dem 17. Februar 2012 haben die Bauern ihre Felder deshalb nicht mehr betreten (können) und selbstredend haben sie seit Oktober 2011 auch keine Pachtzahlungen mehr erhalten.

Erwähnenswert sind außerdem noch einige familiäre Verstrickungen: Wie bereits oben angesprochen ist Juliet Marie D. Ferrer die Tochter der Landesbesitzerin Kitchie Benedicto. Gleichzeitig ist sie auch Bürgermeisterin des Nachbarortes La Carlota und mit dem Kongressabgeordneten Jeffrey P. Ferrer verheiratet. Der für Carmenchica zuständige Bürgermeister Jose Maria Alonso war vor seiner Wahl selbst ein Manager der UEC und mit der Verwaltung der Hacienda betraut, dann hat er die Aufgabe an seinen Bruder, Edgardo Alonso, übergeben

Nach der ersten Voruntersuchung des Falles auf der Hacienda wollten wir die Informationen der Bauern gegenprüfen und uns das Problem aus Sicht der staatlichen Akteure erklären lassen. Also entschlossen wir uns weitere Informationen bei Polizei, bei der zuständigen Agrarreform-Behörde und dem ebenfalls verwickelten Department of Social Welfare and Devolepement einzuholen. Auch diese Besuche waren sehr informativ. Wie zu erwarten sind diese neuen Informationen verglichen mit den Angaben der Bauern zunächst widersprüchlich. So zum Beispiel die Anzahl der abkommandierten Polizeibeamten: Während die Bauern die Anzahl der anwesenden Polizeikräfte mit 70 viel zu hoch schätzen – laut Polizei, leugnet diese ihre Tatenlosigkeit und natürlich auch mögliche Misshandlungen oder ein illegitimes Vorgehen ihres Personals.

Noch ist die Zusammenarbeit mit den Bauern auf Hacienda Carmenchica keine beschlossene Sache und nach Abwägen der gesammelten Informationen wäre der nächste Schritt eine direkte Gegenüberstellung mit dem Hinweis auf mögliche Menschenrechtsverletzungen, indem zum Beispiel ein betroffener Bauer mit zur Polizei begleitet wird, wo ihm beim letzten Besuch verweigert wurde, sein Protokoll entgegen zu nehmen. /tl/

*: Die Agrarreform berücksichtigt auf jeder Hacienda eine bestimmte Anzahl an Bauern, die bestimmte Kriterien erüllen müssen (zb. neben der Landwirtschaft keine Nebenerwerb, Wohnsitz seit geraumer Zeit auf der Hacienda etc.).

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