Weiß sein- privilegiert sein? Teil 2

Erfahrungsbericht von den Philippinen

Nachdem ich gestern über die Whitening Industrie in Asien, besonders auf den Philippinen, berichtet habe, möchte ich heute etwas über meine persönlichen Erfahrungen zu dem Thema erzählen. Sie spiegeln demnach in keiner Weise die Meinung IPONs oder einzelner Teammitglieder wieder, sondern sind rein subjektive Erfahrungsberichte meinerseits.

Filippin@s finden Weiße an sich toll. Betritt man die Öffentlichkeit, sei es beim Einkaufen, abends in einer Bar oder einfach nur auf dem Frauenklo eines Restaurants schlägt einem unverhohlene Begeisterung, Bewunderung und Zuneigung entgegen. Ich habe tatsächlich noch nie von anderen, negativen Reaktionen gehört.

Diese positive Reaktion findet ihren Ausdruck auf unterschiedliche Art. Von ungläubigen bewunderndem Anstarren, verlegenem Tuscheln, direkten schönen Komplimenten“ You are so beautiful“ „You look like a model“, bis hin zu direkten verwirrenden und nicht so schönen Komplimenten „You look like Barbie“, „You are American, right?“ ist alles dabei.

Unangenehm ist es mir persönlich aber immer. Die Art der Exponiertheit, der man sich als weiße Frau sowie als weißer Mann hier gegenübergestellt sieht, ist befremdlich und teilweise überfordernd. Das fängt bei kleinen Phänomenen des Alltags an und hört bei grundsätzlichen Phänomenen des gesellschaftlichen  Zusammenlebens auf. Aber immer ist die helle, vermeintlich schöne Hautfarbe die Ursache für bevorzugte Behandlung.

Beispiele:

Ich komme in ein Fotogeschäft. Vor mir befindet sich eine Schlange von etwa 10 Flippin@s. Ich werde sofort, nach keinen 2 (!!) Sekunden, nach vorne gerufen, um bedient zu werden.

Es findet ein Fußballspiel zwischen der philippinischen und der mongolischen Nationalmannschaft statt. Die Tickets sind hart umkämpft, müssen eigentlich im Voraus reserviert werden und sind zudem auch noch alle ausverkauft. Wir, das I.P.O.N. Team, gehen an den Schalter und halten nach 5 Minuten 4 Tickets in den Händen.

Ich möchte die Bahn in Manila nutzen. Um in den Bahnbereich zu gelangen, werden alle Passagiere kontrolliert. Es gibt eine lange Schlange. Frauen müssen ihre Handtaschen öffnen, Männer werden abgetastet. Ich als Weiße kann einfach durch spazieren.

Ich gehe in einen Laden, um mir Unterwäsche zu kaufen. Ich frage nach einem bestimmten Exemplar. Fortan folgen mir 4 (!!!) Mitarbeiterinnen durch den kompletten Laden. Zwei schieben meinen Einkaufswagen. Die anderen Beiden hasten durch das Geschäft, um mir alle paar Minuten ein neues BH Model vor die Nase zu halten.

Marian Rivera (philipinische Schauspielerin) entspricht dem philippinischen Schönheitsideal zu 100%

Ich stehe in einem Club und möchte ein Bier an der Bar holen. Alle fünf Meter stellt sich mir ein Philippino in den Weg und schreit mir ins Gesicht. „You are so beautiful“. „Where are you from? „ „Can I buy you a beer? “ Würde ich jedes Bier annehmen, das mir an einem Abend angeboten wird, läge ich nach 2 Stunden mit 1,5 Promille lallend unter dem Barhocker und könnte das Partygeschehen vom Boden aus genießen.

STOP! AUS! ES IST GENUG JETZT! Das denke ich ganz oft. Diese ständige unterwürfige Aufmerksamkeit, die mir entgegengebracht wird, ist an manchen Tagen unerträglich. Sie macht mich sauer und traurig und irgendwie auch sehr betroffen.

Und an anderen Tagen? Ja, da nutze ich sie eiskalt aus, diese Aufmerksamkeit. Manchmal sogar mehrmals.

Und das, genau das, ist vielleicht das wahre Problem. Ich bin absolut zwiegespalten in meinem Verhalten. Ich genieße und verachte diese gesellschaftlich privilegierte Position gleichzeitig. Ich genieße die Aufmerksamkeit und bin gleichzeitig schockiert, dass ich sie genieße. Ich habe auch mit den anderen Teammitgliedern über dieses Thema gesprochen. Ohne zu viel zu verraten, kann ich sagen, dass es ihnen ähnlich geht. Auch sie sind hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch gegen diese positive Art der Diskriminierung anzukämpfen oder sie einfach anzunehmen und damit ein bequemeres und einfacheres Leben zu führen. Und das Leben ist bequemer und einfacher, wenn man aufhört gegen diese Art der Behandlung anzukämpfen. Der “Weißen Bonus“ ist besonders an heißen Tagen, bei großem Hunger, beim langen Wartezeiten, in vollen Bussen und Bahnen und vielen anderen Begebenheiten verführerisch. Jeder, der etwas anderes behauptet, ist meiner Meinung nach nicht ehrlich zu sich selber.

Das absurde daran ist, dass die Ursache für diese positive Diskriminierung, das Charakteristikum an einem selber ist, zu dem man am wenigsten von allen, beigetragen hat. Nämlich die eigene Hautfarbe! Um es etwas direkter auszudrücken: Hätten Mama oder Papa bei der Partnerwahl einen Partner mit dunkler Hautfarbe gewählt, wäre es aus gewesen mit dem „Weißen Bonus“. Pech gehabt, kein Thema mehr, finito! Genau diese Tatsache drückt die Tragik des gesamten Phänomens aus. Ich werde für etwas belohnt, zudem ich nichts, absolut nichts beigetragen habe. Und von keinem dieser Menschen, die mich hier so besonders behandeln, wird meine Position in Frage gestellt. Nein, sie wird sogar so oft wie möglich, teilweise mit unangenehmer Hartnäckigkeit, forciert und hervorgehoben.

Wie gehe ich also am Besten mit der Situation um?

Tja, ich weiß es nicht. Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung. Eine Methode ist bestimmt, damit so locker wie möglich umzugehen und die Situation so zu nehmen, wie sie ist.  Es ist menschlich, peinlich berührt zu sein, wenn man auf Grund seiner Hautfarbe bevorzugt behandelt wird, aber es ist genauso menschlich sich zu freuen, wenn man bevorzugt behandelt wird.

Tatsächlich Sorgen um das eigene Verhalten sollte man sich meiner Meinung nach dann machen, wenn man sich dabei ertappt, von Filippin@s zu erwarten, dass sie einen als Weißen bevorzugt behandeln. Und man sich darüber ärgert, wenn dies nicht passiert. Dann sollte man entweder, wieder ganz schnell nach Deutschland zurück reisen oder sich  jemanden suchen, der einem jedes Mal gründlich aufs Maul haut, sobald  sich diese Erwartungshaltung auch nur im geringsten ankündigt. /nj/

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Aktuelles, Alltagsleben

2 Antworten zu “Weiß sein- privilegiert sein? Teil 2

  1. Rai

    Dem ersten Teil zum Thema stimme ich uneingeschränkt zu. Den zweiten betrachte ich als viel differenzierter.
    Denn zumindest in städtischen Regionen ist ein hellhäutiger kein Außerirdischer mehr.
    Oft ist es „nur“ ausgeprägte Gastfreundschaft, wenn man vor gelassen wird. Manchmal auch nur schlichtes Interesse daran, was denn nun der/die weiße Langnase kauft.
    Oder man hat eine Tante im Ausland, vielleicht kommt der Weiße ja aus deren Nähe.
    Also ganz simple Gründe.
    Wird man einfach nur angesprochen mit Worten wie „buy me a beer“ sind es typisch philippinische Scherze die dem Fremden gegenüber aus Freundlichkeit und allgemeinem Interesse gemacht werden.
    Und manchmal ist es tatsächlich so, dass weiß, bzw. helle Hautfarbe, gleich reich ist und dass man deswegen respektvoll ist.

    • Ich stimme dir da absolut zu. Natürlich gibt es viele unterschiedliche Gründe dafür, wie wir als Weiße auf den Philippinen behandelt werden. Aber der Großteil meiner persönlichen Erfahrungen ist einfach, mit den von mir, in dem Artikel beschriebenen Gefühlen, verbunden. Wie gesagt diese Erfahrungen sind rein Subjektiv.
      Zu Einladungen auf ein Bier im Club. Als Frau wird man wohl sowieso meist aus anderen Gründen, als den von dir beschriebenen, auf ein Bier eingeladen. Daher sind unsere Erfahrungen auf diesem Gebiet mit Sicherheit unterschiedlich.

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