Die schokoladigste Versuchung…

17.

Kakaobohnen. Bild: David Monniaux.

Kakao. Grundlage so vieler unserer Lieblings-Lebensmittel. Schon seit dreitausend Jahren wissen die indigenen Völker Lateinamerikas die leckere Bohne, verarbeitet zu gegorenem Getränken und später zu feuriger Trinkschokolade oder reichhaltigen Kakao-Saucen, zu schätzen. Auch wir wissen schon seit unserer Kindheit: Schokolade macht glücklich! Dass das wirklich stimmt, belegen sogar wissenschaftliche Studien: Kakao enthält Theobromin, das, ähnlich dem Koffein, eine leicht aufweckende und stimmungssteigernde Wirkung hat. Aber geben wir es doch zu: vor allem schmeckt Schokolade nun einmal! Und so konsumiert jeder Deutsche im Schnitt 11,4 Kilogramm Schokolade im Jahr.

Doch gibt es eine Schattenseite. Der Kakaohandel boomt, und damit alle Folgen marktwirtschaftlicher Prozesse auf dem Weltmarkt. Da die heißbegehrte Bohne nun einmal ausschließlich in tropischen – und meist ärmeren – Ländern reifen kann, werden die Preise weltweit seit Jahrzehnten gedrückt, um die Gewinnspannen so hoch möglich zu halten. Kognitiv weiß das natürlich jeder. Wer will schon eine leckere Tafel Schokolade konsumieren, die letztendlich durch unterbezahlte Kinderarbeit hergestellt wurde? Doch sind wir Menschen nun einmal Superstars im Ausblenden – und sie schmeckt doch soooo gut! Vielleicht kommt ja daher die vielzitierte (und unwahre) Legende, Schokolade würde manchmal Blut als Verdickungsmittel beigemischt?

Natürlich gibt es Alternativen. Viele Leute nehmen sich vor, auf Fairtrade-Schokolade umzusteigen. Fairtrade-Handel boomt, hat aber bisweilen seine ganz eigenen Schattenseiten. Undurchsichtige Gütesiegel, Verlust an Glaubwürdigkeit, nur zum Teil aus wirklich fairem Handel gewonnene Schokolade, Trickserei und Lügen. Außerdem, seien wir doch einmal ehrlich, gibt es nun einmal viel zu wenige Läden, in denen Fairtrade-Schokolade, die auch noch gut schmeckt (!), standardmäßig vertrieben wird. Der Durchschnittsbürger kauft nun einmal bei Discountern; möglichst billig, möglichst weit verfügbar – und so bleiben die großen Marken weiterhin auf ihren weltweiten Spitzenplätzen.

Wen kümmert es schon wirklich, wenn für die Kitkat-Riegel der ohnehin vielkritisierten Firma Nestle Palmöl aus illegal gerodeten Regenwaldflächen Sumatras verwendet wird? Dass dabei Orang Utans oder Tiger ihren Lebensraum verlieren ist doch ohnehin nun wirklich nichts Neues. Und auch, dass Kinder auf den Kakaoplantagen Lateinamerikas, Südostasiens oder Afrikas knüppelharte Arbeit verrichten müssen – 10 oder mehr Stunden am Tag, sieben Tage die Woche – ist nun wirklich schon oft genug durchgekaut worden. Der Durchschnittsverbraucher scheint all die Diskussionen müde; ändern kann er die Welt doch ohnehin nicht, und mal ehrlich, Mars oder Snickers schmeckt doch auch einfach besser als die überteuerten Gepa-Miniriegel!

Halt! Moment mal!

Die drei weisen Affen in Norwich. Bild: Alex Johansen.

Ich persönlich fühle mich in solchen Situationen – und Diskussionen – allzu oft an die drei weisen Affen erinnert. Ihr wisst schon, die sich jeweils den Mund, die Augen und die Ohren zuhalten, um das japanische Sprichwort „mizaru, kikazaru, iwazaru“ (oft frei übersetzt als „see no evil, hear no evil, speak no evil“) zu verdeutlichen. Kurzum: Was wir nicht sehen, hören oder sagen, berührt uns auch nicht.

Nun, mich schon.

Gerade dieser Tage erschien eine neue Studie (PDF, 2,2MB) von Friedel Hütz-Adams, in der es um Menschenrechte im Anbau von Kakao geht. Anhand verschiedener Länder Afrikas und Lateinamerikas erforschte der Autor die Umstände des Kakaoanbaus sowie die Umsetzung bereits vor Jahren geschlossener Verträge der ILO, der UN und des Harkin-Engel-Protokolls zum Abbau von Kinder- und Zwangsarbeit.

Die Ergebnisse sind ernüchternd. Lippenbekenntnisse wurden über Jahre hinweg nicht eingehalten, Förderprogramme gestrichen und gar ein „Zertifizierungsprozess“ neu entwickelt, der jegliche echte Gütesiegel ad absurdum führte (s. S. 47f der Studie).    Besonders unter den 5,5 Millionen Kakao-Kleinbauern weltweit grassieren Krankheiten, Armut und Unterernährung. Diese äußern sich unter anderem in systematischer Kinderarbeit – die Sprösslinge werden in der Feldarbeit schlicht gebraucht, um ein unteres Existenzminimum der Familie überhaupt nur knapp erreichen zu können.

Und noch eine Schlussfolgerung zieht der Autor. Wäre der Kakaopreis in den vergangenen zwei Jahren nicht zumindest ein bisschen angestiegen, so hätten den Weltmarkt gar große Lieferengpässe erwartet, da allzu viele Kleinbauern ernüchtert auf andere Produkte umgestiegen wären. So verschiebt sich das Problem – vielleicht auf nächstes Jahr oder später.

Doch beim Status Quo zu verbleiben wäre fatal. Nicht nur für die Bauern, sondern auch für uns Schokoladenliebhaber. Und so, liebe Kakaofreunde… kauft doch mal Rapunzel und Co. Schmeckt gut und ist wirklich nicht so viel teurer.

Ich ende mit einem Zitat von Hütz-Adams:

Wie wenig Einfluss der Kakao auf die Kosten der Schokoladenprodukte hat, zeigt ein Vergleich der Preisentwicklung. Inflationsbereinigt stieg der Preis von Schokolade zwischen 1984 und 2005 um rund 20 %, obwohl sich der Kakaopreis im gleichen Zeitraum halbierte.“ (S. 68).

Gute – und fair bezahlte – Schokolade muss also gar nicht teuer sein. Man muss nur die Hersteller zwingen, sich auf faire Herstellungsbedingungen und -preise zu einigen. Und das können nur wir Verbraucher. Alle zusammen. Im Kleinen anfangen um großes Unrecht zu verändern, sozusagen. Ja, das funktioniert wirklich…

/eb/

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