Aung San Suu Kyi und die Demokratiebewegung Burmas

Aung San Suu Kyi, 1995. Quelle: US Dep. of State

13.

Myanmars* bekannteste Oppositionspolitikerin wirkt auf den ersten Blick zerbrechlich, fast ein bisschen schüchtern; typisch asiatisch zurückhaltend. Und doch genießt Aung San Suu Kyi internationales Ansehen als eine der mutigsten und konsequentesten – gewaltlosen – Freiheitskämpferinnen der Welt. Auf den Tag genau vor einem Monat, am 13. November 2010, wurde sie aus einem lang anhaltenden Hausarrest entlassen, der 15 der vergangenen 21 Jahre in Beschlag nahm.

Suu Kyis Vater, Nationalheld Bogyoke (General) Aung San, wird noch von der heutigen Militärregierung Myanmars als Volksheld gefeiert. Als Mitbegründer der Kommunistischen Partei wird er als Begründer des freien Burmas gesehen. Bereits vor dem zweiten Weltkrieg organisierte er Streiks und zivile Proteste gegen die britische Kolonialherrschaft, die er später auf militärischem wie auch politischem Wege fortsetzte. Nach Ende des zweiten Weltkrieges fungierte er als de facto Premierminister Burmas, doch erlebte er die tatsächliche Unabhängigkeit seines Landes nicht mehr. Am 19. Juli 1947, sechs Monate vor dem endgültigen Verzicht Großbritanniens auf Burma, wurde er gemeinsam mit sechs Ministern seines Schattenkabinetts, von Söldnern des vorherigen Premierministers U Saw ermordet.

Aung Sans Tochter Su Kyi war erst zwei Jahre alt, als ihr Vater starb. In den auf die Unabhängigkeit folgenden Jahrzehnten erlebte ihre Heimat turbulente politische Zeiten. Vierzehn Jahre lang war Burma eine Republik, mit einem Zweikammersystem nach britischen Vorbild und wechselnden Regierungen. Doch 1962 ergriff eine Militärjunta unter Leitung General Ne Wins mit einem Putsch die Macht. Auf einen Schlag wurden freie Vereine und Oppositionsparteien verboten oder unter Regierungsaufsicht gestellt. Auch Wirtschaft, Medien, Produktion und zahlreiche Aspekte des sozialen Lebens wurden komplett verstaatlicht und unter strikte Aufsicht gestellt.

Protestierende Mönche, 2007. Auf dem Plakat steht "Keine Gewalt". Foto: Racoles.

Ne Win war für nahezu 26 Jahre alleiniger Herrscher des später offiziell in Myanmar umbenannten Landes. In den Jahren seiner Herrschaft flohen hunderttausende Angehörige „unerwünschter“ Bevölkerungsgruppen, wie Inder, Moslems oder Anglo-Asiaten in benachbarte Staaten. Bis heute halten Nachfolger der ursprünglichen Militärjunta die Fäden der Macht fest in Händen. Proteste mutiger Oppositioneller sind durchaus häufig, seit 1988 nicht selten unter Beteiligung von Suu Kyi selbst, sofern sie sich in Freiheit befand. Man erinnere sich z.B. an die protestierenden Mönche 2007, deren gewaltloser ziviler Ungehorsam schließlich durch harsche, militärisch durchgesetzte Ausgangssperren beendet wurde. Auch blutige Niederschlagungen gewaltloser Proteste finden wieder und wieder statt. Eine noch so geringe Öffnung des Landes. politische Diversität, geschweige denn Demokratie sind und bleiben von der Militärdiktatur unerwünscht.

Doch zurück zu Suu Kyi. Als Kind der politischen Elite des Landes wuchs sie in gut situierten Verhältnissen auf. Ihre Familie zog nach dem Tod ihres Vaters in die beliebte Urlaubsgegend am Inya Lake, so lernte sie bereits früh Menschen mit internationalen, religiös, kulturell und sozial sehr unterschiedlichen Hintergründen kennen. Durch ihr Studium in Indien und Oxford sowie ihre spätere Arbeit für die UN in New York und in London wird sie vom Militärregime gern als „verwestlicht“ denunziert, doch lernte sie genau dort ihre Heimat zu schätzen.

1988 kehrte sie zurück nach Myanmar – zufällig genau in jenem Jahr, in dem General Ne Win zurücktrat und Massenproteste blutig niedergeschlagen wurden. Statt zu ihrem Mann in das friedliche Bhutan zurückzukehren, wurde sie noch im gleichen Jahr zur Mitbegründerin der National Democratic League (NDL) und zur Vorreiterin der Demokratiebewegung Myanmars. Der wichtigste Grundsatz ihrer Politik war immer Gewaltfreiheit im Sinne Ghandis sowie des Buddhismus. Dies hielt das Militärregime jedoch nicht davon ab, sie wiederholt unter Hausarrest zu stellen und jegliche Wahlerfolge ihrer Partei zu nullifizieren.

Über ihren weiteren Lebensweg, ihre Erfolge, die internationale Anerkennung (z. B. Friedensnobelpreis 1991) – und die ständig darauf folgenden Repressionen der Militärregierung wurde in den vergangenen Monaten ausführlich berichtet. So bleibt mir nur ein kurzes Fazit.

Dass Suu Kyi ausgerechnet am 13. November freigelassen wurde, ist beileibe kein Zufall. Noch sechs Tage zuvor hatte eine „General Election“ stattgefunden; eine allgemeine Wahl, die keine war, stand doch im Vorhinein ihr Ausgang bereits fest. So wurde in zahlreichen Provinzen nachweislich wieder einmal Wahlfälschung zugunsten der Militärjunta betrieben. Suu Kyi selbst wurde nicht erlaubt, sich zur Wahl zu stellen, doch wurden ihr auf starken internationalen Druck hin zumindest kurze Treffen mit Mitgliedern ihrer Partei sowie internationalen Politikern zugestanden.

Shwedagon Pagoda, Rangoon, Burma. Foto: Racoles.

All dies zeigt, wie viel Angst die Militärjunta auch nach zweiundzwanzig Jahren noch vor Suu Kyis Einfluss – und der Macht der Demokratie hat. Die „Regierung“ ist offensichtlich weiterhin bereit, überaus krumme Wege einzuschlagen, um vermeintlich unangefochten an der Macht zu bleiben. Hoffen wir, dass dies nicht dazu führt, dass Suu Kyi bei nächster sich bietender Gelegenheit erneut unter Hausarrest gestellt wird. Internationale Proteste zumindest scheinen zu ihren Gunsten zu wirken. Eines steht derweil dennoch fest: Zu einer wahren Demokratie liegt noch ein langer und potentiell gefährlicher Weg vor der Demokratiebewegung Myanmars.

Weiterhin verbleiben tausende politisch Andersdenkende in den Gefängnissen des Landes – genaue Zahlen sind unbekannt. Doch bleibt zu hoffen, dass Suu Kyis nicht abreißender Einsatz ihnen zumindest ein bisschen Hoffnung schenkt – soweit sie überhaupt davon wissen.

*Übrigens, kurz zur Frage Birma, Burma oder Myanmar. Es gibt diverse Diskussionen darüber, wie denn nun die korrekte Landesbezeichnung lautet. Burma (englische Lautschrift), Birma (eingedeutschte Lautschrift) oder doch Myanmar, wie von Militärregierung, aber auch einigen oppositionellen Kräften bevorzugt. Ich verwende im Artikel bewusst beide Varianten. Im Land selbst werden ebenfalls beide Begriffe weitgehend synomym verwendet, je nach Region, Bildungsstand und Ethnie des Sprechers. So oder so scheint die Debatte im internationalen Ausland weitaus größer als im Land selbst, wo bereits vor der bewussten Umbenennung von Burma zu Myanmar durch die Militärregierung beide Begrifflichkeiten gebräuchlich waren. Einen spannenden Überblick zum Für und Wider beider Namen sowie der dahinterstehenden Landesgeschichte liefert die Heinrich Böll Stiftung.

/eb/

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