Kirgistan: Völkermord im Jahre 2010

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Die Reise des Adventskalender der Menschenrechte führt heute nach Zentralasien. Im Juni dieses Jahres spielten sich in Kirgistan schreckliche Szenen ab.

In den südkirgisischen Städten Osch und Dschalalabad begannen die gewalttätigen Unruhen zwischen der kirgisischen und usbekischen Bevölkerung. Sonst in der Minderheit stellen in dieser Region mit 60 Prozent Usbeken die größte Bevölkerungsgruppe.

In einer bewegenden und zugleich sehr traurigen Mail an die Nachdenkseiten vom 22.Juni 2010 schildert ein Augenzeuge seine Erlebnisse und Eindrücke aus der südkirgisischen Stadt Osch.

Maskierte Killerkommandos kamen am Abend des 10.Juni mit Pickups. Sie schossen mit automatischen Waffen auf alles was sich bewegte, drangen in Häuser und Wohnungen ein, brandschatzten, vergewaltigten und hinterließen nach vier Tagen des Mordens nur noch verbrannte Erde. Die Gewalt zwischen Kirgisen und Usbeken eskalierte. Bis zum 18.Juni dauerten die Kampfhandlungen an. Die Szenen erinnern den westlichen Beobachter an die Grausamkeiten der Balkankriege. Rund um die Stadt Osch war nach der Teilmobilmachung durch die Regierung Artilleriefeuer zu hören. Menschen wurden zusammengetrieben und lebendigen Leibes verbrannt. Es kam zu gegenseitigen Geiselnahmen, um die eigene Sicherheit zu garantieren.

Zwar wurden Kämpfer festgenommen. Unter den 243 Festgenommen waren aber nur 29 Kirgisen. Human Rights Watch prangert in einem Bericht vom 16.August 2010 an, dass die Justiz voreingenommen und einseitig arbeite. Des weiteren werden die Maßnahmen der Regierung insofern kritisiert, dass diese die Pogrome unbewusst oder bewusst produziert hätten.

Die genauen Opferzahlen waren nicht zu ermitteln. Nach offiziellen Regierungsangaben gab es 176 Todesopfer. Die Zahlen dürften vermutlich viel höher liegen. Schätzungen gehen von 2000 bis 2500 Toten und unzähligen Verletzten aus.

Nachdem sich die Lage wieder beruhigt hatte, ging das Leid für die usbekische Bevölkerung noch weiter. Laut WHO sind 300.000 Menschen nach Usbekistan geflohen. Bis zu 700.000 verließen ihr Zuhause und suchten woanders im Land Zuflucht. Überfüllte Lager und die schlechte Versorgungslage erschwerten zusätzlich das Leid der Flüchtlinge.

Wer sind die Drahtzieher?

Über die Drahtzieher dieses Massaker lässt sich nur spekulieren. Fest steht, dass sich die Täter in Südkirgistan gut auskannten, es gut koordiniert und durchgeführt wurde und dadurch ein Bürgerkrieg zwischen den Ethnien ausgelöst werden sollte. Die Szenen erinnern zwar an die Balkankriege, die gute Koordination und Orchestrierung der Ereignisse eher an Ruanda. Es kursieren verschiedene Theorien wer dahinter steckt. Genannt werden Söldner des im April gestürzten Despoten Bakijew, russische Truppen oder Islamisten. Alle drei Theorien sind durchaus plausibel, aber für Russland spielt Kirgistan keine große Rolle. Es gibt keine großen Rohstoffvorkommen von Interesse, um Unruhen auszulösen und sich als Ordnungsmacht aufzuspielen. Russland weigerte sich auch Truppen zur Deeskalation zu schicken, was auch gegen diese Theorie spricht. Islamisten fielen auch aus. Denn warum sollten sie die ebenfalls muslimischen Usbeken gewaltsam vertreiben? Als sehr wahrscheinlich gilt der gestürzte Kurmanbeck Bakijew. In einem Telefonat von Mai diesen Jahres zwischen Bruder und Sohn Bakijews unterhielten sich die beiden über die Möglichkeit bezahlte Unruhestifter zu engagieren und einen Bürgerkrieg auszulösen.

Wo liegen die Ursachen?

Bereits im Jahre 1990, als sich die Sowjetunion langsam auflöste, kam es schon einmal im damaligen Machtvakuum zu einem Massaker in Osch. So ist eine solche Gewalteruption keineswegs überraschend. Nach der Beruhigung der Lage durch Russland wurde das Massaker von den kirgisischen Medien und der Regierung totgeschwiegen. Denn in den Führungspositionen von Verwaltung, Justiz, Polizei und Militär sitzen vor allem Kirgisen. Usbeken werden von der Macht und Führung vollkommen ausgegrenzt. Selbst in den usbekisch dominierten Teilen Kirgistans sind diese Positionen von Kirgisen besetzt. Trotz des Totschweigens seitens der Öffentlichkeit mittels einer Vogel-Strauß Taktik, gärte es immer weiter unter der Oberfläche, bis zu diesem Juni.

Dazu kommen wirtschaftliche Probleme. Gerade in der Region um Osch liegt die Arbeitslosigkeit weit über den landesweiten 20 Prozent. Die demographischen Probleme des Landes tragen letztendlich auch noch ihren Teil bei. In Kirgistan ist die Einwohnerzahl um 20 Prozent gestiegen seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Die meisten von ihnen sind jung und arbeitslos. Da Kirgistan im Gegensatz zu Usbekistan oder Turkmenistan kaum eigene Rohstoffe hat, gelingt es den Machthabern nicht so leicht die eigene Bevölkerung mit Geld ruhig zu stellen. Dazu liegt das wichtige Ackerland der Bergrepublik im Süden. Genau dort wo sich die Grausamkeiten abspielten. So steckt manchmal reines Kalkül hinter einem solchen Völkermord.

Derzeit hat sich die Lage wieder beruhigt. Die Wahlen im Oktober verliefen vergleichsweise friedlich. Dennoch ist das Jahr 2010 ein trauriges der kirgisischen Geschichte. Nach den Grausamkeiten des Juni haben Hunderttausende ihre Heimat verloren. Das Leiden hört somit trotz der Beruhigung der Lage vorerst nicht auf. Die Probleme des Landes und das Misstrauen zwischen den Ethnien hören von einem Moment auf den auch anderen nicht auf. Ein zweites Ruanda blieb zum Glück bisher aus. Da es keine größeren strategischen oder wirtschaftlichen Interessen in Kirgistan gibt, wird auch beim nächsten Mal niemand von außen intervenieren. So kann es jederzeit wieder zu einer Eskalation der Gewalt kommen, wenn jemand diese zu seinem eigenen Vorteil nutzen will. /ap/

Weitere Augenzeugenberichte

Bericht von Human Rights Watch (Veröffentlicht am 16.08.2010)

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