2. Advent: Die Geschichte von Hacienda Mulawin (IPON)

05.

Der 5. Dezember. “Pakjesavond” in den Niederlanden, Nikolaus. Zuvor jedoch an mir die Aufgabe, den zweiten Advent mit einem ersten Adventskalender-Artikel über unsere Arbeit hier zu füllen. Zwar arbeiten wir nicht in einem klassischen Konfliktgebiet, doch haben auch wir angesichts mancher uns hier begegnender Schicksale einen Kloß im Hals und fragen uns, wie es dazu kommen kann, dass Menschen so unmenschlich handeln.

Tiefe Sorgenfalten.

So erging es mir ganz persönlich beispielsweise auf Hacienda Mulawin, im Norden „unserer“ Zuckerinsel Negros.
Den dortigen Bauern könnte es eigentlich sehr gut gehen. Sie haben erkannt, dass ökologische Landwirtschaft, in Kombination mit klassischem Zuckerrohranbau, ertragreich und gut für die Böden ist. Verschiedene Organisationen haben sie mit Mikrokrediten und Setzlingen unterstützt. Doch war die Bauerngruppe, die wir im September dieses Jahres erstmalig trafen, alles andere als eine wohlhabende, glückliche kleine Gemeinschaft. Sie haben keine Ahnung, wie lange sie das wenige Land, das sie überhaupt bebauen können, noch verteidigen können. Ihr Alltag gleicht einem unfairen Kampf um den sie nie gebeten haben.

Seit Jahren werden die bei TFM organisierten Landtitelbesitzer und ihre Familien systematisch unter Druck gesetzt und bedroht. Der benachbarte Gutsverwalter Joseph Lacson, eingestellt vom ehemaligen Landbesitzer, hat beide Augen auf eine Parzelle des durch die Landreform neu verteilten Ackerlandes geworfen. Direkt am Highway gelegen wäre es eine ideale Möglichkeit, unkompliziert noch mehr Zuckerrohr anzubauen und noch höhere Gewinne einzufahren. Möglicherweise wären diese sogar für Lacsons eigene Tasche, denn ob der eigentliche Landbesitzer überhaupt von dessen Machenschaften weiß ist ungewiss.

Dass der Landverwalter gefährlich ist und noch gefährlichere Männer für sich arbeiten lässt ist allerdings bekannt. 2004 überfielen seine „Sicherheits“-Leute eine Gruppe friedlich auf dem Land arbeitender Bauern. Diese flüchteten, doch die johlenden Angreifer schossen ihnen übermütig in den Rücken. Dem damals 25-Jährigen Ronito B. wurden mehrere Kugeln aus der Wirbelsäule operiert.Trotz mehrerer teurer Krankenhausaufenthalte ist er bis heute querschnittsgelähmt. Seine Tage verbringt er in einer der Hütten des kleinen Dorfes, gepflegt so gut es eben geht von seiner Familie. 2006 wurde Farmer Wilfredo C. von maskierten Sicherheitskräften des Landverwalters erschossen. Schicksale, die traurig und nachdenklich stimmen.

In beiden Fällen wurden Gerichtsverfahren eröffnet, doch verliert sich ihre Spur in den langsam mahlenden Mühlen der philippinischen Justiz. Die Angehörigen stehen alleine da; Entschädigungszahlungen gibt es nicht. Die Täter bleiben auf freiem Fuß oder sind verschwunden. Lacson selbst ist geradezu unbelangbar, da er selbst nicht an den Schießereien beteiligt war. Es ist sehr wahrscheinlich, dass er seinen Männern einen Schießbefehl gab – doch wer kann das schon überprüfen? Wer soll gegen ihn, einen der mächtigsten Männer der Gegend, aussagen?

Sitzen auf Sandsäcken.

Und so begegneten wir bei unserem Besuch auf Hacienda Mulawin einer Bauerngruppe, der die Strapazen der letzten Jahre nur allzu deutlich anzusehen waren. Magere Körper unter zu weiten T-Shirts zeugten von Armut, trotz eigenem Landbesitz. Angst und Sorgen zeichneten tiefe Linien in die braungebrannten philippinischen Gesichter. Kein Wunder. In diesem Jahr gab es zwei weitere Überfälle bewaffneter Männer auf das umstrittene Land am Highway, diesmal gar begleitet von Joseph Lacson selbst. Und so errichteten die Bauern Sandsäcke, als Schutz gegen Kugeln, und konnten nur hoffen, dass der nächte Überfall ausbleiben würde. Zum Abschied schenkten sie uns mehrere Kilo Biomais, zum Abendessen und lächelten. Gewohnheit? Oder die Hoffnung, dass wir wirklich helfen können? Wir versprachen, wiederzukommen, sollte die Situation wieder bedrohlich werden.
Bislang ist alles ruhig. Für wie lange? Schließlich hat Lacson schon mehrfach bewiesen, dass er genau dann zuschlägt, wenn es nicht von ihm erwartet wird.

Doch gibt es Hoffnung. Vergangene Woche fragten wir telefonisch nach, wie die Lage ist und ob es etwas gebe, was wir tun könnten. Nicht zuletzt, weil es schwierig ist, die Gesichter der Haciendabewohner einfach auszublenden, obwohl es augenblicklich wenig gibt, das wir mit IPON-Instrumentarien tun können. Wir erfuhren, dass tatsächlich, nach langem Warten, ein Gerichtsverfahren gegen einige der bewaffneten Angreifer dieses Jahres eingeleitet wurde. Es gibt Fotos der Beteiligten und ihrer Waffen. Aussagekräftige Beweise in einem Land wie hier, in dem meist Zeugensaussagen die einzige Methode für ein Gericht sind, Schuld oder Unschuld festzustellen.
Wir werden die Vorgänge im Auge behalten. Und hoffen, dass die philippinische Justiz endlich ihren Teil dazu beiträgt, den Menschen auf Hacienda Mulawin ein friedliches, nicht mehr von ständiger Angst geprägtes Leben zu ermöglichen.

/eb/

Meinen ausführlichen Artikel über unseren Besuch auf Hacienda Mulawin findet ihr hier.

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