Das Gesicht weltweiter Proteste: Sakineh Mohammadi Ashtiani

04.

Der vierte Dezember führt uns von Israel in ein Land, das anders kaum sein könnte, obwohl sie geographisch nicht weit auseinander liegen: Iran. Sakineh Mohammadi Ashtiani, so heißt die iranische Frau, deren Name im vergangenen Jahr für weltweite Aufmerksamkeit gesorgt hat. Über eine Million Unterschriften wurden gesammelt und Politiker und Prominente setzten sich öffentlich für sie ein, um sie vor einem grausamen Tod durch Steinigung zu retten. Die Vorwürfe: Ehebruch – und Beihilfe zum Mord. Verurteilt wurde sie bereits, zwei Mal, doch bleiben die Anschuldigungen schwammig, die Vorgehensweisen aus Sicht der Menschenrechte höchst fragwürdig.

2006 verurteilte ein Gericht Sakineh Mohammadi Ashtiani wegen „unerlaubter Beziehungen zu zwei Männern“ zu 99 Peitschenhieben, die Strafe wurde vollzogen. Gerichtliche Normalität im Iran. In einem zweiten Prozess, rund um den Tod ihres Mannes, wurde ein – offenbar erpresstes – Geständnis des Ehebruchs zum Anlass genommen, sie zum Tod durch Steinigung zu verurteilen. Damit begann ein langer Kampf ihrer Familie, ihres Anwalts und internationaler Menschenrechtsorganisationen, sie vor dem Tode zu bewahren – und sie aus dem Iran zu befreien, falls irgend möglich. Wie gefährlich dieser Kampf sein kann, zeigt die Tatsache, dass seit Oktober nun auch ihr Sohn, ihr Anwalt sowie zwei deutsche Journalisten der „Bild am Sonntag“ sich in iranischer Haft befinden. Die Vorwürfe sind unklar, von „staatsuntergrabenden Aktivitäten“ und „Spionage“ ist die Rede – in einem offenbar ebenfalls erpressten neuerlichen Video.

Auf einem der wenigen bekannten Fotos schaut Sakineh den Betrachter aus wachen braunen Augen unter einem schwarzen Kopftuch an. Ein wichtiges Bild, es berührt. Vielleicht gerade deshalb, weil darauf nicht viel zu erkennen ist und Spielraum für Interpretation bleibt. Doch eines ist klar: Hier geht es um einen Menschen, eine Frau, die aus fadenscheinigen Gründen zu einem grausamen Tod verurteilt wurde. Das Foto zierte Poster und Plakate, mit ihm wurde vor Botschaften demonstriert, Politiker verwendeten es in ihren Wahlkämpfen und Prominente setzten sich öffentlich für Sakineh ein. Unwissentlich und vielleicht auch unwillentlich wurde sie zum Symbol des internationalen Kampfes für die Menschenrechte, gegen Steinigungen und undurchsichtige Prozessführungen. Natürlich handelt es sich um einen Stellvertreterkampf – neben Sakineh sitzen vermutlich ca. ein Dutzend weitere Frauen in iranischen Gefängnissen und erwarten ihre Hinrichtung durch Steinigung.

So kommt es auch, dass gerade die Proteste rund um Sakineh politisch hochbrisante Bedeutung haben. Das Mullah-Regime Irans muss sich mit der Frage beschäftigen, was passiert, sollten sie sie doch freilassen, eines der Asyl-Angebote wohlmeinender westlicher Nationen annehmen. Würde dadurch womöglich die staatlich-religiöse Autorität untergraben, eine inner-iranische Diskussion um Steinigungen und Hinrichtungen losgetreten? Lösen die Proteste um Sakinehs Schicksal gar eine Trotzreaktion in die entgegengesetzte Richtung aus?

In den vergangenen Wochen sah es fast so aus. Die Todesform Steinigung wurde durch Hängen ersetzt – ein Zeichen an die Weltgemeinschaft, dass man so unmenschlich nun auch wieder nicht sei? – und sollte Beginn November stattfinden. Obendrein wurden alte Vorwürfe gegen Ashtani wieder aufgewärmt: Sie habe ihren Mann getötet – oder doch zumindest Beihilfe zum Mord geleistet. Es folgte ein erneut fragwürdiges „Geständnis“ im iranischen Staatsfernsehen, in dessen Verlauf auch ihr Sohn, ihr Anwalt sowie die deutschen Journalisten sich selbst belasteten. Wieder hagelte es internationale Proteste. Die Online-Plattform Avaaz sammelte gut 900.000 virtuelle Unterschriften gegen die angekündigte Urteilsvollstreckung. Amnesty International und Human Rights Watch verurteilten die offenbar unter Zwang erfolgten „Geständnisse“ scharf.

Immerhin, die Proteste zeigten Wirkung. Sakineh Mohammadi Ashtiani lebt noch – und iranische Behörden deuteten an, das Urteil könne durch Einwirken der iranischen „Menschenrechtsbehörde“ in lebenslange Haft umgewandelt werden. Nun ist es an der Weltgemeinschaft, genügend diplomatisches Geschick zu zeigen, Sakineh nicht nur ein Leben, sondern ein Leben in Würde zu ermöglichen. Ein erhobener Zeigefinger zumindest wäre der falsche Weg – für Sakineh, wie für ihre Leidensgenossinnen. /eb/

Die Hintergründe:

ZEIT: Justizmord im Namen Allahs, 26.08.2010; Scharia oder Gnade, 18.11.2010.

Guardian: Life of woman sentenced to death by stoning could be spared, 23.11.2010

Avaaz: 24 hours to save Sakineh

Amnesty International

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