Aus Liebe zum Spiel – Eine philippinische Fußballperspektive

Die philippinische Fußballnationalmannschaft war wahrscheinlich die schlechteste der Welt. Im September 2006 stand die Nationalmannschaft auf Platz 195 der Weltrangliste. Nur solche große Fußballnationen wie Anguilla oder die Cook-Inseln, mit weniger als 500.000 Einwohnern, platzierten sich hinter den Philippinen. Bei einem Land mit 85 Millionen Einwohnern ist das mehr als peinlich. Die Erfolge der Nationalmannschaft bewegen sich im äußerst begrenzten Rahmen. Die Teilnahme an der Asienmeisterschaft 1956 gilt als größter Erfolg, freilich scheiterte man bereits in der Vorrunde. Für die Weltmeisterschaften 2006 und 2010 wurde gar nicht versucht sich zu qualifizieren. Wie es bei der letzten Weltmeisterschaft auf den Philippinen aussah, behandelt dieser Artikel

Der größte fußballerische Exporterfolg ist die Legende Paulo Alcantara. Dieser spielte zwischen 1912 und 1927 für den ruhmreichen FC Barcelona. Dabei erzielte er in 357 Spielen 357 Tore. Aus dieser Zeit stammt auch der höchste Sieg der Nationalmannschaft, ein 15:2 über Japan.

Derzeit klettern die Philippinen in der Weltrangliste immer weiter nach oben. Sie belegen nur noch Rang 151*, eingerahmt von Malaysia und Bangladesch. Dieser Aufwärtstrend zeigt, dass sich etwas tut im philippinischen Fußball. Es wird tatsächlich konzeptionell gearbeitet. Scheinbar haben sich die Verantwortlichen an Berti Vogts orientiert, der immer konzeptionell arbeiten wollte. Dies tat er dann in seiner acht-jährigen Amtszeit beim DFB zwar nicht unbedingt, aber nach ihm und dem unfähigen Erich Ribbeck (Mario Basler: „Jetzt weiß man, dass Erich Ribbeck wirklich keine Ahnung hat.“) wurden die Strukturen nach der peinlichen und aus allen deutschen Geschichtsbücher gestrichenen Europameisterschaft 2000 deutlich verbessert.

Ambitionierte Ziele

Das erhoffen sich auf einem viel niedrigeren Level auch die Philippinen. Um den philippinischen Fußball langfristig voranzubringen, hat der Verband deutsches Know-How ins Land geholt. Der Unternehmer Alfons Schenk erkannte vor zehn Jahren die wachsende Fußballbegeisterung der Bevölkerung. Seit 2007 ist er offizieller Berater des Verbandes. Der Aufbau professioneller Strukturen beinhaltet die gezielte Suche nach jungen Talenten aus Europa mit philippinischen Wurzeln. Dabei wird in England und Deutschland ein Netzwerk aus Informanten aufgebaut, um gezielt an talentierte Spieler zu gelangen. Erste Erfolge waren im Fall Stephan Schröck von Greuther Fürth und Manuel Ott vom FC Ingolstadt zu verzeichnen. Bei anderen Spielern wie David Alaba vom FC Bayern oder den de Guzman-Brüdern war man schlicht zu spät dran. Dennoch zeigen diese Bemühungen, dass ein ernsthaftes Interesse besteht den Fußball weiter zu entwickeln.

Daneben verfügt der philippinische Verband über lächerliche finanzielle Möglichkeiten. Bei einem Etat von rund 250.000 Euro, der von jedem Sechstligisten wahrscheinlich locker erreicht wird, mussten die Spieler bisher für Anreise und Ausrüstung selber aufkommen. Da ist es für Spieler aus Europa weniger reizvoll gegen direkte Konkurrenten wie Turkmenistan oder Nepal zu spielen. Für die Verbesserung der Finanzlage und Sponsorenanwerbung hat man zudem einen schwerreichen Eisenbahn-Unternehmer ins Boot geholt.

Wichtig wird der ASEAN-Cup (Vorrundengegner: Vietnam, Singapur und Myanmar) Anfang Dezember, für den man sich erfolgreich qualifiziert hat. Langfristig sollen die Top 100 der Welt geknackt werden und die Teilnahme an einer Weltmeisterschaft ist das große Ziel. Bei 1,7 Millionen aktiven Fußballern und 85 Millionen Einwohnern gibt es genügend Potenzial eine landesweite Fußballbegeisterung auszulösen. Ich lehne mich mal weit aus dem Fenster: Der deutsche Vorrundengegner bei der WM 2018 in Russland heißt Philippinen.

Es kann sich noch übrigens bis Ende November in Zusammenarbeit mit dem Internetportal Spox.com für das Amt des Nationaltrainers beworben werden. Ich würde es tun, aber mir fehlt leider die A-Lizenz des DFB. Eine moderne Spielphilosophie würde ich allerdings mitbringen. Englischkenntnisse sind vorhanden. Ich war immer erfolgreich bei diversen PC-Fußballmanagern und die Biographe von Weltenbummler und Oberfußballentwicklungshelfer Rudi Gutendorf weiß ich auswendig. Bei Misserfolgen kenne ich alle möglichen Durchhalteparolen. Thomas Doll wäre mein großes Vorbild: „Wir müssen kerniger spielen. Wir müssen uns in den Gegner reinpanzern.“ oder ansonsten noch: „Wir müssen jetzt im Training hart arbeiten, dann werden wir auch bald Erfolge verzeichnen.“ Der Bild gebe ich wie Hans Meyer keine Interviews. Will ja kein zweiter Lothar Matthäus werden, der sich ständig selbst ins Gespräch bringen muss. Also erwarte ich einen baldigen Anruf des Verbandes. Die Lizenz kann bestimmt nachgereicht werden oder ich kaufe mir hier auf einem der Märkte eine.

Eigene Erfahrungen

Derzeit spiele ich mehr schlecht als recht in der Bacolod-Stadt-Liga für DG FC (Spitzname: Black Stars, wegen der Trikots ;-). Diese geht über ca. zwei Monate und wird mehrmals im Jahr ausgetragen. Sie besteht aus sechs oder sieben Teams. Das Niveau liegt irgendwo zwischen Kreis- und Bezirksliga. Nur werden hier keine Karrieren beendet, bevor sie begonnen haben. Die Blutgrätsche ist nämlich kein taktisches Mittel. Illustre Namen wie Bacolod United oder Atletico Bacolod streiten sich um diesen bedeutsamen Titel des Weltfußballs. United ist der FC Bayern der Liga, gespickt mit zahlreichen ehemaligen philippinischen Nationalspieler zwischen 35 und 50. Wie die Bayern dominiert United durch viel Ballkontrolle und endlose Passstafetten.

Derzeit verzeichnet mein Verein eine unglückliche 0:1 Niederlage, durch einen Konter drei Minuten vor Schluss eingefangen, sowie seit letztem Samstag ein 1:0 Sieg. Der thailändische Abwehrchef agiert mit viel Übersicht und gutem Stellungsspiel. Aufgrund seiner 42 Lenzen hat er aber immer wieder mit Knieproblemen zu kämpfen. Die philippinischen Mittelfeldspieler zeichnen sich durch hohe Laufbereitschaft und gutes Zweikampfverhalten aus. Den Kopf hochnehmen würde in manchen Spielsituationen den klugen Pass ermöglichen, aber wie bei allen Spielern weltweit ist auch hier noch Luft nach oben. Mittelstürmer Poedtke (Crouch gerufen) hat noch keine Bindung zum Spiel und ist nicht prädestiniert für das Spiel mit langen, hohen Bälle. Die Tiefe des Raumes liegt ihm mehr. Ein Positionswechsel ins offensive Mittelfeld ist diskutiert worden. Seine große Stärke, die hohe Laufbereitschaft a la Ivica Olic, könnte dann mehr zum Tragen kommen. Vielleicht lag es bisher auch nur an den kaputten Schuhen, die sich beim Spielen mehr und mehr in ihre Einzelteile zerlegten. Dennoch wurde bis zum Schluss alles gegeben und immerhin der Spiel entscheidende Elfmeter herausgeholt.

Jogi Löw setzt leider zu wenig auf Spieler, die ausschließlich auf die alten deutschen Fußballtugenden (Kampf und Einsatz!) setzen. Ich erwarte eigentlich von Tag zu Tag eine Einladung zur Nationalmannschaft. Immerhin spiele ich in der höchsten Spielklasse von Negros. Da der Bundestrainer wohl nicht mehr anfragen wird, habe ich mit 25 Jahren beschlossen, mich ab sofort nur noch auf meinen Verein zu konzentrieren. Hier halte ich es mit dem dauerbeleidigten Christian Wörns: „Für die Nationalmannschaft stehe ich ab sofort nicht mehr zur Verfügung.“

Aus Liebe zum Spiel

Bei ca. 35 Grad im Schatten auf einem löchrigen, unebenen Platz mit Hingabe zu spielen und dabei großen Spaß zu empfinden, zeugt in meinen Augen von der Sagen umwobene Liebe zum Spiel. Denn es ist völlig egal, wo du Es spielst auf der Welt. Du brauchst nur einen Platz, einen Ball, zwei Tore, 22 Spieler (na gut hier sind es nur 18) und die große Sause kann losgehen. Der Ball rollt und das magischste Spiel des Planeten nimmt seinen Lauf. Auch an den unmöglichsten Orten, wo ich es mir nie erträumt hätte, gegen einen Ball zu treten. Einfach wundervoll diese Möglichkeiten.

Dass bei manchen Spielern die Liebe zum Spiel weit über das normale Maß hinaus geht, sahen wir im Spiel danach. Nach einem nicht allzu überharten Foul und einer Rangelei, bei der garantiert nur verbale Nettigkeiten ausgetauscht wurden, rannte einer der Beteiligten wutentbrannt zu seinem Auto. Aus dem Kofferraum holte er zum Glück nicht seine Knarre, wie ich zuerst dachte, sondern „nur“ einen Golfschläger, mit dem er auf seinen Kontrahenten losgehen wollte. Passiert ist dank seiner Mitspieler zum Glück nichts. Lieber ein Ende ohne Schrecken.

Dazu fällt mir nur noch die Weisheit des unvergessenen Bill Shankly ein: „Some people think football is a matter of life and death. I assure you, it’s much more serious than that.“

/ap/

*Stand November 2010

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Alltagsleben

Eine Antwort zu “Aus Liebe zum Spiel – Eine philippinische Fußballperspektive

  1. Max

    Mensch Arne,
    jetzt bin schon ich ein wenig neidisch anfangs nicht auf den Zug aufgesprungen zu sein.
    War das schon der letzte Artikel?

    M

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