„Töte sie alle, nur die Medienvertreter nicht“ – Das Massaker in Maguindanao. Ein Jahr danach.

Vor genau einem Jahr erschütterte dieser Vorfall die Philippinen und weit darüber hinaus. Für einen kurzen Moment rückte die konfliktreiche Insel Mindanao im Süden des Landes in den Fokus der Weltöffentlichkeit.

Das Massaker ereignete sich in der Provinz Maguindanao. Traditionell steht sie unter Kontrolle des einflussreichen Ampatuan-Clans. Mitglieder der Familie besetzen die wichtigsten politischen Posten und schüchtern die Bevölkerung ein. Der Clanchef Andal Ampatuan Sr. war zwischen 2001 und 2009 Gouverneur der Provinz.  Falls sich Personen dem Willen der Ampatuans widersetzen, werden sie bedroht oder umgebracht:

„The Ampatuans are viewed as almost God, very powerful. A single word is enough to frighten the people, whatever they ask is done… Their arms make them powerful. They kill people.” A baranguay official in ARMM*, February 19, 2010.**

Das Wort der Ampatuans ist Gesetz. Der Rechtsstaat existierte für lange Zeit nicht. Durch Clan-Mitglieder verübte Morde, teilweise bei Tag und unter den Augen von Polizei und Militäreinheiten, wurden nicht verfolgt. Als Basis ihrer Macht nutzen sie eine bis zu 5000 Mann starke Privatarmee, die sich aus Polizei, Militär und paramilitärischen Kräften zusammensetzt.

Das Massaker ereignete sich am Morgen des 23.November 2009 – heute vor einem Jahr. 200 Bewaffnete, angeführt von Andal Ampatuan Jr., dem Sohn des Familienoberhaupts, stoppten einen Konvoi mit Anhängern des Oppositionspolitikers Ismael Mangudatu. Seine Frau und ca. 30 Journalisten begleiteten den Konvoi, der sich zum Ziel gesetzt hatte, Mangudatu für die im Mai 2010 anstehende Gouverneurswahl anzumelden. Doch soweit kam es nicht, die Gruppe wurde aus ihren Autos geholt, ihre Gräber waren bereits mit einem Bagger ausgehoben. Die Täter vergewaltigten ihre Opfer, hackten sie in Stücke oder erschossen sie. Vor allem Frauen waren unter den Ermordeten, zwei von ihnen hochschwanger. Die Mangadatu-Familie hatte extra viele Frauen losgeschickt, in der Annahme ihnen würde nichts passieren.

Es war das größte Massaker in der philippinischen Geschichte, und laut Reporter ohne Grenzen der größte Massenmord an Journalisten der Weltgeschichte. Insgesamt starben 58 Menschen an diesem Tag im Kugelhagel ihrer Peiniger.

„Das ist ein schwarzer Tag für die Pressefreiheit. Wir haben oft die Kultur der Gewalt und der Straflosigkeit auf den Philippinen kritisiert, gerade auf Mindanao“ – Reporter ohne Grenzen

Was sicher ist: Es war einer der traurigsten Tage in der jüngeren philippinischen Geschichte. Es macht sprach- und fassungslos sich das Geschehene nur vorzustellen und man scheitert beim Versuch, dieser Tragödie und den Opfern eine angemessene Form der Würdigung zu verleihen.

Wie sieht die Situation nach einem Jahr aus?

Wenige Tage nach dem Massaker wurde Andal Ampatuan Jr., von Regierungstruppen nach Manila verbracht. Er galt als Kronprinz seines Vaters und sollte dessen Schreckensherrschaft fortsetzen. Bekannt als „Mann fürs Grobe“ soll er das Massaker befohlen haben: „Der Sohn hat uns befohlen alle umzubringen, egal ob Frauen und Kinder […]“

Am 8.September 2010 wurde der Prozess gegen Ampatuan Jr. eröffnet. Er ist unter anderem wegen 58-fachen Mordes angeklagt. Neben ihm sind 195 weitere Personen angeklagt, darunter 29 Mitglieder der Familie Ampatuan. Derzeit stehen in Manila allerdings nur 16 Polizeioffiziere und 2 Milizangehörige sowie Ampatuan Jr. selbst vor Gericht. Die Anklage wirft ihm vor, das Massaker befehligt und mit durchgeführt zu haben.

Laut der Aussage des ersten Hauptzeugen, einem ehemaligen Haushaltsangestellten der Familie, habe der Clan die Ermordung der Anhänger des Konkurrenten genauestens geplant. Als der Konvoi in Sicht kam habe der Sohn mit seinem Vater telefoniert. Dieser habe ihn angewiesen: „Töte sie alle, nur die Medienvertreter nicht.“ Der Sohn erwiderte nur: „Sie werden reden, wenn wir sie nicht ausschalten.“

Das Verfahren ist ein Test für die neue Regierung von Präsident Aquino und die philippinische Justiz, ob sie bereit sind, selbst mächtige Clanmitglieder hinter Gitter zu bringen. Die Vorgängerin Aquinos, die bis Juni amtierende Präsidentin Arroyo, hatte jahrelang enge Beziehungen zu den Ampatuans unterhalten. Durch Bündnisse mit muslimischen Clans sollten Unruheprovinzen im Süden des Landes unter Kontrolle gebracht werden.

Während der langen und teilweise schleppenden Ermittlungen wurden Zeugen massiv eingeschüchtert und bedroht. Mindestens fünf von ihnen wurden laut Human Rights Watch umgebracht. Unter ihnen war auch ein Mitglied der Privatarmee, Suwaib Upahm.  Dieser wollte als Teilnehmer des Massakers vor Gericht gegen die Ampatuans aussagen. Er hätte wichtige und entscheidende Aussagen zur Planung und Durchführung des Massakers treffen können. Die Aufnahme ins Zeugenschutzprogramm der Regierung verzögerte sich, da Upahm  als Beteiligter am Massaker mitgewirkt hatte. So wurde Upahm am 14.Juni 2010 in Maguindanao erschossen. So müssen Monate nach dem Massaker immer noch Menschen sterben.

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Trotz der Bemühungen, die Drahtzieher vor Gericht zu stellen, bleibt der Clan der Ampatuans eine mächtige und gefährliche Organisation. Sie konnten ihre Macht in den letzten zwei Jahrzehnten ungehindert von Polizei, Militär und Justiz ausbauen und festigen.

Der 23.November 2009 bleibt unter anderem wegen der hohen Zahl von Opfern in Erinnerung. Seit Anfang der 1990er Jahre sind 56 dokumentierte Morde auf das Konto der Ampatuans gegangen. Das Vorgehen dieses Clans ist also keine Unbekannte. Für die neue Regierung besteht die Chance, ihre Wahlversprechen in die Tat umzusetzen und die an die hundert Privatarmeen des Landes zu entwaffnen und aufzulösen. Das würde ein ernsthaftes Zeichen für den Versuch sein, die Macht der Clans auf Mindanao und in anderen Regionen zu brechen. Ob dies gelingen wird, lässt sich schwer sagen. Denn nach jahrzehntelanger Abwesenheit des Gesetzes, ersetzt durch mafiöse und feudale Strukturen, wird es ein langwieriger Prozess der Erneuerung.

„In Maguindanao, the word of the Ampatuans was the law. It was either you said “yes” to [them], or you got yourself killed for daring to say “no”. – Suwaib Upahm, Mitglied der Privatarmee der Ampatuans, 9.März 2010.

/ap/

* ARMM = Autonomous Region Muslim Mindanao

** die englischen Zitate sind dem Report von Human Rights Watch zur Lage in Maguindanao entnommen; erschienen am 16.11.2010

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