Katz und Maus auf Hacienda Agueda

Guards auf den Feldern

Security-Guards auf den Feldern, Hda. Agueda.

Eine Woche ist es nun her, dass uns gegen 8:00 Uhr morgens eine SMS von TFM-Community-Organizer Edwin erreichte. „Morning!just informing ur team d CLOA HOLDERS of has just take position and occupy the area w/ CLOA n moises padilla early this am.“ Mit anderen Worten: Die CLOA-Holder* von Hacienda Agueda hatten zwei ihnen zustehende Felder in Besitz genommen. Die Pflicht rief … Nach einem schnellen Frühstück und dem Packen einiger Klamotten für die kommenden Tage machten Arne und ich (Eline) uns auf den Weg.

Andauernder Landkonflikt inmitten beeindruckender Umgebung.

Der letzte uns bekannte Stand der Dinge auf Hacienda Agueda war Folgender: Das Final Survey hatte stattgefunden, der PARO hatte uns mitgeteilt, dass aus seiner Sicht nun endgültig und rechtsverbindlich das Land vermessen und vergeben sei. Die Bauern hatten anschließend angekündigt, spätestens nach der Ernte auch wirklich ihre Felder in Besitz nehmen zu wollen. Technisch gehörten die Felder – inklusive Ernte – schon lange zuvor der Bauerngemeinschaft, doch hatten sie beschlossen, selbige bis zum Ende der diesjährigen Erntezeit der ehemaligen Landbesitzerin zu überlassen, um weiterem Ärger und Auseinandersetzungen mit den – bewaffneten – Sicherheitsleuten aus dem Weg zu gehen.

Bauerngruppen stehen sich gegenüber

Die Fronten scheinen klar. Vorn: einige CLOA-Holder.

Nun also war die Ernte auf den ersten Feldern abgeschlossen und die Bauern hatten beschlossen, ihr gesetzliches Eigentum endlich auch praktisch in Besitz zu nehmen. Die beiden nebeneinander gelegenen Zuckerrohrfelder, malerisch im Schatten von Mt. Kanlaon zwischen grün getupften Hügeln und einem Sekundärwald voller fächernder Bananenpalmen gelegen, waren bereits abgeerntet und begrüßten Arne und mich bei unserer Ankunft mit glühender Mittagshitze. Typisch philippinisch gab es zunächst einmal Mittagessen – kalten Reis, Fisch und Suppe – und einen kurzen Mittagsschlaf im Schatten. Es war ohnehin viel zu heiß, um an Feldarbeit zu denken.

In jeder Hinsicht besser ausgestattet: Die Leute der ehemaligen Landbesitzerin

Besser ausgestattet: Die Leute der ehemaligen Landbesitzerin

Gegen Nachmittag verbreitete sich in Windeseile die Nachricht, der Aufseher der ehemaligen Landbesitzerin sei mit seinen Leuten unterwegs, um die Ansprüche auf die Felder zu verdeutlichen. Sogleich machten sich die CLOA-Holder an die Arbeit, die auf den Feldern verbliebenen Zuckerrohr-Reste zurechtzuharken, eine Aktion, die wohl mehr symbolisch als tatsächlich produktiv gemeint war. Und tatsächlich, kaum standen einige der Bauern auf dem Feld, erschienen gut ausgerüstete Leute des Landverwalters, die sich sogleich an die Arbeit auf dem benachbarten Feld machten. Begleitet wurden sie von einigen, zum Teil bewaffneten, Security-Guards der Landbesitzerin.

Abbrennen des Feldes

Abbrennen der Felder.

Vielleicht ist es an dieser Stelle an der Zeit für ein paar Hintergrundinfos zum Anbau von Zuckerrohr, dessen Haupterntezeit auf Negros zumeist im Oktober und November liegt, also mitten in der Regenzeit. Das hängt unter Anderem damit zusammen, dass nach der Ernte sämtliche Pflanzenreste auf den Feldern getrocknet und anschließend in einem gezielten Flächenbrand abgefackelt werden. Die hohen Flammen und riesigen Rauchwolken sind zu dieser Zeit des Jahres allgegenwärtig auf dem Land und bieten ein beeindruckendes Schauspiel, das sicherlich sowohl ökologisch als auch nährstofftechnisch fragwürdig ist. Doch für Bauern, deren Arbeitsinstrumente armutsbedingt hauptsächlich aus selbstgeschnittenen Stöcken mit Astgabelungen als „Harken“ und hinter Carabaos** gespannten Holzpflügen bestehen, scheint dies die schnellste und effektivste Methode, die Felder möglichst bald wieder nutzbar zu machen. Und weil Oktober und November zu den regnerischen Monaten gehören, ist zwecks Waldbrandvermeidung das Abbrennen der Felder eben zu dieser Zeit am Sinnvollsten.

Beeindruckende Bilder.

Beeindruckende Bilder.

Genau dieser Prozess nun war ein wichtiger Teil des Disputes zwischen den Leuten des Landverwalters und den Landtitelbesitzern. Erstere hatten, mit Unterstützung (und unter Druck) der ehemaligen Landbesitzerin einen Antrag auf „Inclusion“ gestellt, das heißt, einen Antrag darauf, einen Teil des CLOA-Landes zu erhalten, weil sie, ebenso wie die bereits anerkannten Landtitelbesitzer, ein Anrecht darauf hätten. Um diesen Anspruch zu unterstreichen, verlangten sie nun, auf dem Land mitarbeiten zu können, da es ja möglicherweise auch bald ihres sei. „Aha!“ dachten wir, „zumindest hat die ehemalige Landbesitzerin eingesehen, dass das Land ihr nicht mehr gehört und versucht es nun auf anderem Wege.“ Falsch gedacht. Die mitgeschickten Security-Guards benahmen sich weiterhin, als stünde ihre Autorität außer Frage. Wir vermuteten ein Pulverfass und beschlossen, auch in Rücksprache mit Mira und dem Hamburger IPON-Büro, eine längertägige Präsenz in Angriff zu nehmen.

Diskussionen um ein Zelt.

So beobachteten wir also in den kommenden Tagen das stetige Hin und Her um Landbesitz, der seit Jahren zweifelsfrei und im Sinne der CLOA-Holder geklärt sein sollte. Abgebrannt wurden die Felder letztendlich von den Leuten des Landverwalters, während die eigentlichen Besitzer sich vorübergehend zurückzogen. Dabei entstanden dennoch, zumindest für nicht mit den Hintergründen vertraute Betrachter, beeindruckende, nahezu an Bürgerkriege und Straßenblockaden erinnernde Fotos. Es folgten lange – und dankenswerterweise friedliche – Diskussionen zwischen den Gruppen und ein Katz- und Maus-Spiel, das auch in den kommenden Tagen nicht entschieden werden sollte.

Endlich errichtet.

Derweil dokumentierten wir für IPON, zwischen langen Phasen des Abwartens, das Geschehen, sprach mit den Bauern und versuchten, einen Überblick über die Lage zu gewinnen oder eine Lösung zu erahnen. Für effizienzgewohnte Europäer muten die Vorgänge der vergangenen Woche so frustrierend wie typisch philippinisch an.

...zerstört und wiederaufgebaut...

Beide Gruppen verrichteten weitere Feldarbeit – an entgegengesetzten Enden der Ländereien, beide darauf bedacht, ihre Ansprüche geltend zu machen, aber nicht auf direkten Konfrontationskurs zu gehen. Die CLOA-Holder planten, ein Zelt auf dem Land, als Schutz gegen Hitze und Regenschauer zu errichten, eine Aktion, die ihnen von den Security-Guards im Namen der ehemaligen Landbesitzerin – mit entsprechend zweifelhafter Autorität – untersagt wurde. Am nächsten Tag – Freitag – wurde dieses Zelt dann doch gebaut. Zwei Tage später lagen die Reste abgerissen auf dem über Nacht mit Plastikband umzäunten Feld. Die CLOA-Holder rissen in der Folge den provisorischen Zaun ein und errichteten ein neues Zelt. Beispielhaft für die Absurdität der Situation – aber auch für die bewundernswerte Gelassenheit und den Humor der Menschen auf Hacienda Agueda – ist wohl, dass einer der bewaffneten Security-Guards es sich sogleich breit grinsend und unter allgemeinem Gelächter im Schatten des wiedererrichteten Unterschlupfes gemütlich machte.

Erster Zeltgast. Man nimmt's mit Humor.

Auch wurden Maßnahmen auf anderen Ebenen versucht. Der PARO*** wurde über die Vorgänge informiert, zeigte sich besorgt, doch konnte oder wollte selbst nicht vorbeikommen, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Die CLOA-Holder berichteten uns von einem ausgeschlagenen Friedensangebot an die Leute des Aufsehers: sie erbaten die Ernte von 5ha Land (das ihnen, wohlgemerkt, gesetzlich ohnehin zusteht) im Tausch dafür, die „Inclusion“-Antragssteller auf ihren Feldern zu dulden. Keine Einigung. Am Freitag kam CO Edwin auf die Hacienda, um sich selbst ein Bild zu machen, damit er TFM und die staatlichen Stellen auf dem Laufenden halten könne. Polizeipräsenz wurde angefragt und ausgeschlagen – ein Personalwechsel auf entsprechender Ebene verhindert unbürokratische Vorgänge. Am Montag schließlich füllten die CLOA-Holder „Blotter“, Beschwerdeformulare, bei der lokalen Polizei aus und hinterließen Bilder der Vorgänge. Ob es etwas hilft?

Festgefahrene Situation im Schatten von Mt. Kanlaon.

Und IPON?
So vergingen also 6 Tage der Präsenz auf Hacienda Agueda. Am Freitag löste Mira mich ab, doch Übersetzer Romelo und Observer Arne verbrachten die gesamte, teils aufschlussreiche, teils humorgefüllte, teils zermürbende – und in jedem Fall sehr staubige – Zeit im Einsatz. Zumindest sind wir zuversichtlich, dass, obgleich eine nachhaltige Lösung weiter auf sich warten lässt, zumindest dieser Konflikt nicht in Gewalt ausarten wird. Natürlich wird Hacienda Agueda ein Schwerpunkt unserer Arbeit bleiben und wir verfolgen, auch von Bacolod aus, aufmerksam die weiteren Entwicklungen.

Übrigens: morgen besucht Joe Montanez, extra aus den USA eingeflogener Sohn der störrischen ehemaligen Landbesitzerin, den PARO hier in Bacolod, um einen „Kompromiss“ auszuhandeln. Nach unseren Informationen sieht der PARO – zurecht – keinen Kompromiss, den er schließen könnte. Wie auch? Das Land ist verteilt und die Rechtslage sollte mehr als klar sein. Wir bleiben dran – und hoffen.
/eb/

* CLOA = Certificate of Landownership Award. Landtitel im Rahmen der Landreform.

** Wasserbüffel.

*** Provincial Agrarian Reform Officer, hoher Beamter des Agrarreformministeriums auf Provinzebene.

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