Besorgnis und Sandsäcke auf Hacienda Mulawin

Besorgte Gesichter und Sandsäcke zeugen vom Ernst der Lage.

Besorgte Gesichter und Sandsäcke zeugen vom Ernst der Lage.

In den vergangenen Wochen hat sich eine neue Hacienda zu unseren Tätigkeitsfeldern hier auf Negros hinzugesellt. Die seit einigen Jahren als Hacienda Mulawin bekannten Ländereien in der Nähe von Sagay  fungieren als TFM-Model-Farm, auf der neben dem allgegenwärtigen Zuckerrohr und Reis auch biologisch produzierter Mais, Mungo-Bohnen und weitere, diversifizierte Gemüsesorten angebaut werden. So erübrigt sich übermäßiges Düngen und die Böden werden vor Auslaugung geschützt. Insgesamt 23 Hektar Land werden mit gutem finanziellen Erfolg von einer Kooperative von Landtitel-Besitzern bebaut. Doch der friedliche Schein trügt.

Bei unserem Besuch auf Hacienda Mulawin vor einigen Wochen wurde bald deutlich, wo die Probleme liegen – und, wie zu oft, klingen sie uns bekannt in den Ohren. Drei von zehn Landtiteln der Bauern-Kooperative wurden im Jahr 2003 durch das Landwirtschaftsministerium installiert. Die übrigen ihnen zustehenden Felder können die Bauern weder betreten noch bebauen; der Administrator der Ländereien hat eigens bewaffnete Sicherheitskräfte eingestellt, um sie von den umstrittenen Flächen fernzuhalten. Die vergangenen Jahre zeugen von den Problemen rund um die Landverteilung. Echte Ruhe ist etwas, das die ansässigen Bauern schon lange nicht mehr kennen.

Das Dorf der Bauern

In den Jahren 2004 und 2006 gab es gewalttätige Übergriffe auf die Highway-nahen, bereits installierten Ländereien. Einige der Erzählungen der Bauern muten nahezu an wie Schicksale aus einem Bürgerkrieg. Mehrfach stürmten vermutlich vom Landverwalter angeheuerte, schwer bewaffnete Männer die Felder und feuerten Schüsse auf die flüchtenden Bauern ab. Die Konsequenzen waren tragisch. Im Januar 2004 wurde ein damals 25-Jähriger von mehreren Kugeln in den Rücken getroffen. Bis heute liegt er querschnittsgelähmt in einer Hütte des Dorfes und ist gänzlich auf die Hilfe der Gemeinschaft angewiesen. Bei ähnlichen Vorkommnissen im Jahr 2006 verstarb ein flüchtender Bauernführer an seinen Schusswunden. Aufgeklärt oder vor Gericht gebracht wurden diese Fälle nie.

Nach einigen verhältnismäßig ruhigen Jahren erfolgten im August und September dieses Jahres weitere Versuche, die Bauern von einem ihrer Felder zu vertreiben. Bewaffnete Security Guards zerstörten zweimalig ein jeweils kurz vor der Ernte stehendes Mungo-Bohnen-Feld. Außerdem wurden beim zweiten Übergriff, Anfang September, zwei auf dem Feld stehende Nipa-Hütten mit Hilfe schwerer Trucks zerstört. Diese Hütten waren eigens zum Zweck des Bewachens des Feldes errichtet worden – die darin schlafenden Bauern konnten sich nur mit Mühe rechtzeitig vor den Räumungsfahrzeugen retten.

Offenbar, so vermuten wir, nimmt der Landverwalter die hohen Zuckerpreise und die günstige Lage des Feldes direkt am Highway zum Anlass, erneut unter Zuhilfenahme von Gewalt zu versuchen, die 4,4 Hektar der Bauernkooperative unter seine Obhut zu bringen. Zwar folgten auf die Übergriffe im September an Ort und Stelle sechs Verhaftungen durch die rechtzeitig alarmierte Polizei. Doch wurden die Verdächtigen einige Tage später wegen eines vom Staatsanwalt bemängelten Formfehlers im Anschreiben des Anwaltes der Geschädigten wieder auf freien Fuß gesetzt. Eine weitergehende staatsanwaltliche Untersuchung der Vorkommnisse gab es unseres Wissens bislang nicht, obwohl die Verdächtigen unter anderem aufgrund illegalen Waffenbesitzes festgenommen worden waren.

Nipa-Hütte auf dem Mungobohnenfeld

Bei unserem Besuch auf Mulawin war die Sorge um die Lage den anwesenden Bauern förmlich ins Gesicht geschrieben. Zur Zeit bewachen Teile der Gemeinschaft rund um die Uhr das Feld mit den im September zum dritten Mal frisch angepflanzten Mungobohnen. Bei der Begutachtung der wieder aufgebauten Nipa-Hütten führte man uns die mit Sand und Steinen gefüllten Säcke vor, hinter denen sich die Betroffenen im Fall von auf sie abgefeuerten Schüssen in Sicherheit bringen wollen. Kopfschüttelnd und um die Sicherheitslage besorgt planten wir einen Besuch beim Staatsanwalt, doch dieser war ausgerechnet an diesem Tag nicht im Büro. Unser anschließender Besuch bei der Polizei diente dann vor allem der Vorstellung IPONs. Im Prinzip hat die Polizei bislang kein Fehlverhalten an den Tag gelegt und die eher negative Einstellung des Polizeichefs gegenüber TFM hindert ihn offenbar zumindest nicht daran, seine Arbeit ordnungsgemäß zu verrichten.

Am 14.10., vor unserem Besuch auf Hacienda Teresita, stattete mein Kollege Arne dann endlich dem Staatsanwalt Sagays einen weiteren Besuch ab, auf der Suche nach Antworten. Das folgende Gespräch war so frustrierend wie typisch für philippinische staatliche Stellen. Nein, Staatsanwalt Yngson könne sich leider nicht an die Vorkommnisse auf Hacienda Mulawin erinnern. Auch bei den verhafteten und wieder freigelassenen Bewaffneten müsse er passen. Man müsse schon verstehen, sein Caseload sei riesig und er müsse allen Fällen, auch den noch von seinem Vorgänger liegen gebliebenen, die gebotene Aufmerksamkeit widmen. Da käme es schon einmal vor, dass er sich nicht an einen spezifischen Fall erinnern könne, doch hoffe er, alle Fälle, also auch den für uns interessanten, bis Ende des Jahres bearbeitet und gegebenenfalls an die Staatsanwaltschaft in Bacolod weitergeleitet zu haben. Das war es auch schon – im Anschluss wurde Arne nicht unfreundlich, aber bestimmt, zur Tür hinauskomplimentiert.

In einem Land, in dem die Staatsanwälte tatsächlich chronisch überlastet sind und oftmals nicht einmal über Computer in ihrem Büro verfügen, fällt es uns schwer, einzuschätzen, ob die Haltung von Herrn Yngson letztlich tatsächlich auf Überforderung – oder doch auf Unwillen und Befangenheit gegenüber organisierten Bauerngruppen – zurückzuführen ist. Ein schaler Beigeschmack jedenfalls bleibt, denn die Täter bleiben auf freiem Fuß und lange vor der weiteren Bearbeitung des Falles steht die nächte Mungobohnenernte an. Eine IPON-Präsenz zur Ernte wäre zumindest denkbar und wurde den Bauern auch schon angeboten. Derweil klopfen wir aufs Holz und freuen uns über jede Woche, in der es ruhig bleibt auf Hacienda Mulawin.
/eb/

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Besorgnis und Sandsäcke auf Hacienda Mulawin

  1. Sehr spannendes und informatives Blog. Ich wünsche Euch weiter viel Kraft, Begeisterung und Durchhaltevermögen für diese offenbar noch immer notwendige Arbeit… Eigentlich hatte ich gehofft, dass mit „Noynoy“ Einiges besser wird…

    Ich habe Euch mal auf mein Philippinen-Blog verlinkt.

    hey joe

  2. (Eline) Danke für das Kompliment und den Link! 🙂
    Ja, Noynoy hat einiges an Wahlversprechen zur Armutsreduzierung abgegeben, die er noch wahr machen muss. Ein Problem ist, dass seine Familie (genau wie die Arroyos vor ihm auch) ausgedehnte Ländereien besitzt und alles tut, sich gegen die CARP-Neuverteilung selbiger zu wehren – Stichwort Hacienda Luisita. Er kann also schwierig anderen Grossgrundbesitzern vorschreiben, was sie zu tun und lassen haben, ohne sich selbst ins Kreuzfeuer zu begeben… *seufz*

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