Von Arbeit und Untätigkeit…

Die vergangenen Wochen waren gewissermaßen ein Wirbelwind der Eindrücke für uns „Frischfleisch“.
Zuerst war da Manila, das Kennenlernen der alten Teams, erste Treffen mit Vertretern von NGOs und staatlicher Stellen. Und zwischendurch immer wieder der vergebliche Versuch, sich im Straßengewirr der Hauptstadt zurecht zu finden. Die Fährfahrt nach Bacolod, unserem neuen Zuhause, war eine willkommene Ruhepause und vermittelte uns erste landschaftliche Aussichten auf die bunte Inselwelt der Philippinen sowie interessante Begegnungen mit Einheimischen an Bord des Schiffes.

Getreu dem Motto „no rest for the wicked“ ging es im Anschluss nach einer einzigen Nacht in Bacolod auf zur Hacienda Agueda, um einige der Akteure unserer Arbeit in der „Area“ kennenzulernen. Nach einer Nacht in Bäuerin Rosas Haus auf der Hacienda im Schatten von Negros’ Hausvulkan Mt. Canlaon folgten einige Tage des häuslichen Einrichtens in Bacolod.

In der folgenden Woche statteten wir auch Hacienda Victoria einen Besuch ab.

Nipa-Hütte im Zuckerrohr, Hacienda Victoria

Nipa-Hütte im Zuckerrohr, Hacienda Victoria

Die malerische Umgebung – wolkenverhangene grüne Hügel, ein mehr oder minder reißender Strom (je nach Regeneinwirkung), den es zu überqueren galt, sowie zahlreiche Kinder mit großen, neugierigen Augen – konnte nicht darüber hinweg täuschen, wie ernst die Lage für die betroffenen Bauern ist. Sie können nur einen kleinen Teil des ihnen zustehenden Landes betreten und haben, bevor das Zuckerrohr zu groß wurde, um es einfach zerstören zu können, wochenlang Tag und Nacht in den an ihr Land angrenzenden Nipa-Hütten verbracht, um das Feld vor mutwilliger Zerstörung zu schützen.
Obendrein erwartet die TFM-Bauern ein Gerichtsverfahren wegen einigen weiteren auf einem Feldweg aufgestellten Nipa-Hütten, die den kürzesten Weg in Richtung Hauptstraße für den ehemaligen Landbesitzer, jedoch auch für alle anderen, unpassierbar machen. In jedem anderen Rechtssystem würden sie sofort freigesprochen, da die Hütten nicht von ihnen selbst, sondern vom angrenzenden Landbesitzer dort hingesetzt wurden, doch hierzulande sind wir da nicht so sicher.
Wie, um zu bekräftigen, wer hier das Sagen hat, gaben die Sicherheitsleute uns mit einigen Warnschüssen zu verstehen, dass wir auf dem vor Gericht so heiß umkämpften Land alles andere als gern gesehen sind. Wir hatten ohnehin nicht vor, dies zu betreten, sondern waren einfach auf dem Rückweg nach Isabela, der zumindest für Fußgänger nun einmal am neu verteilten Land vorbeiführt.
Die Bauern sicherten uns zu, die Schüsse seien „nur so zum Spaß“ abgegeben worden, doch führte uns der Zwischenfall auf unserem langen, schlammigen Weg zurück nach Isabela erneut vor Augen, dass dieser Disput alles andere als eine schnelle Lösung finden wird.

Auch besuchten wir in der vergangenen Woche eine „neue“ Hacienda im Norden von Negros: Hacienda Mulawin. TFM, unsere Partnerorganisation, hatte uns gebeten, dort einmal vorbeizuschauen und zu evaluieren, ob IPONs Arbeit vor Ort Sinn machen würde, da die Hacienda-Bauern in den vergangenen Wochen verstärkt unter Übergriffen zu leiden hatten. Wir sind noch dabei, uns einen besseren Überblick über die Situation zu verschaffen, an dieser Stelle genüge daher die Anmerkung, dass bald ein eigener Blogeintrag zu den Problemen auf Hacienda Mulawin folgen wird.

Und sonst so?
Aktuell plätschern die Tage ein bisschen vor sich hin und wir kommen nicht umhin, uns zu fragen, ob dies die viel beschworene Ruhe vor dem Sturm ist. Mit dem Oktober beginnt die Ernte-Saison und unter viel Geklopfe aufs Holz fürchten wir, dass es auf verschiedenen Haciendas wieder zu Unruhen und Streitigkeiten um die Ernteerträge kommen könnte.

1. Besuch auf Hda. Agueda

1. Besuch auf Hda. Agueda

So stellt sich auf Hacienda Agueda die Frage, wem die Ernte zusteht – der ehemaligen Landbesitzerin, die das Zuckerrohr der rechtmäßigen Landtitel-Besitzer zerstören und neues in ihrem Namen anpflanzen ließ? Oder den CLOA*-Besitzern, denen der Zutritt auf ihr eigenes Land untersagt wird? Doch immerhin: heute versicherte uns der PARO**, dass er die Agueda-Bauern unterstützen werde, so sie zur Erntezeit Unterstützung von Polizei und DAR*** beantragen würden.

Nicht weniger zwiespältig ist die Situation auf Hacienda Victoria. Die CLOA-Holder verteidigen eisern ein einzelnes Zuckerrohr-Feld gegen die Übergriffe des ehemaligen Landbesitzers, während dieser die weiteren den Bauern zustehenden Felder durch bewaffnete Security-Guards bewachen lässt. Was zur Ernte passieren mag, weiß niemand so recht.

Kurzum: Aktuell bleibt uns wenig Anderes, als abzuwarten, auf das Beste zu hoffen und den Teufel nicht an die Wand zu malen. In der Zwischenzeit widmen wir uns vereinzelten Treffen mit TFM, Vertretern des Landwirtschaftsministeriums und der Staatsanwaltschaft, unserem Sprachkurs und viel freier Zeit. Und wer weiß – vielleicht klappt es in näherer Zukunft trotz reichlich zerstückelter Tagesabläufe ja doch einmal mit unseren Plänen, ein paar Tage am „Sugar Beach“ in Sipalay auszuspannen…
/eb/

*CLOA = Certificate of Landownership Award, vom Agrarreformministerium ausgegebener Landtitel

** PARO: Provincial Agrarian Reform Officer des Agrarreformministeriums

*** DAR: Department of Agrarian Reform; das Agrarreformministerium.

8 Kommentare

Eingeordnet unter Aktuelles, Alltagsleben, Hacienda Agueda, Hacienda Mulawin, Hacienda Victoria

8 Antworten zu “Von Arbeit und Untätigkeit…

  1. Daniel

    Hey,
    lebt euch gut ein, aber ich habe eine Bitte: Überlegt euch doch mal, wofür ihr dieses Blog macht: Privatkram oder um eure Arbeit transparent zu machen? Wenn zweites das Ziel ist, dann lasst sowas wie „endlich ausspannen am Strand“ oder vor allem (!!) den letzten Artikel (touristischer geht´s kaum (und noch eine Anmerkung: „Heidenspaß“ ist ein kolonialistisches Unwort!).
    Streicht solche Anwandlungen einfach. Oder richtet euch private Blogs ein. Anbieter gibt es genügend.
    Ich kenne euch nicht persönlich. Und möchte weiterhin informiert werden. Aber nicht über nächtliche Hungerattacken o.ä. sondern über die Arbeit, wegen der ihr nach Negros gekommen seid.
    Viele Grüße nach Negros,

    Daniel

  2. Eline (IPON-Team Negros)

    Hallo Daniel,
    Eline hier vom aktuellen Negros-Team. Ich denke, Arne als Verfasser des touristischen Schokoladen-Artikels hat gleich auch noch was zu sagen, vorab von mir erstmal dies:
    Dass du hier mitliest, ohne eine direkte Verbindung zu uns zu haben, freut uns natürlich! Na klar soll mittels dieses Blogs durchaus AUCH unsere Arbeit vor Ort vorgestellt werden. Ich denke aber kaum, dass man den Blog darauf reduzieren kann und sollte. Wenn dich nur unsere Arbeit interessiert, steht es dir natürlich frei, die „Aktuelles“ und „Alltagsleben“-Einträge nicht zu lesen – dafür gibt es schließlich Schlagwörter.
    Und keine Sorge, bald folgt auch wieder mehr Inhaltliches – der Mulawin-Blogeintrag muss nur noch ein bisschen ausgefeilt werden. 😉

    Ich denke, es gibt auch eine Menge Leute – allen voran unsere Freunde und Verwandten – die auch das „Drumherum“ interessiert. Na klar versuchen wir meist, das nicht zu sehr zu vermischen – warum dich ein einzelner Satz zum „Ausspannen am Strand“ allerdings so sehr pikiert, verstehe ich nicht recht. Mal ehrlich, es gehört nach langen Wochen der harten Arbeit (auch am Wochenende!) eben auch mal dazu, sich ein paar Tage freizunehmen – und auch das ist Teil unserer Erfahrungen als IPON-Freiwillige hier.

    Und schließlich: wenn du fachliche und sachliche Artikel erwartest, sind vielleicht unsere IPON-Observer-Magazine mehr für dich. Ein Blog ist für mich (und uns) eine Plattform für Meinungen, Gedanken und Erfahrungen, die nicht immer 100%ig ausgefeilt, überpolitisch korrekt und wissenschaftlich sein müssen.

    Wenn du weiter mitliest, freuen wir uns natürlich trotzdem. Aber auf Selbstzensur und Humorlosigkeit von unserer Seite muss das doch nun auch wieder nicht hinauslaufen. 😉

  3. Arne (IPON-Team Negros

    Hallo Daniel,

    Elines Antwort ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen und schön, dass du unseren Blog so eifrig verfolgst.

    Ich denke, ein Blog ist gerade dazu da Meinungen, Erfahrungen und Gedanken jeglicher Art zu transportieren und zu veröffentlichen. Das kann sich auf sowohl auf die Arbeit als auch auf private Dinge wie z.B. Supermarkterlebnisse beziehen. Gerade unsere Freunde, Familien und Bekannte können so ein bisschen miterleben, was wir hier sowohl während unserer Arbeit als auch abseits dieser erleben.

    Das ist das Schöne an unserem Blog, dass man oder besser überpolitisch korrekt Mensch von beiden Facetten einen Eindruck bekommen kann. Denn hier lässt sich Privates und Arbeit nicht immer trennen.

    Wen nur die eine Seite interessiert, dem ist vollkommen freigestellt auch die andere Seite zu lesen. Er muss es ja nicht tun. Wozu gibts Rubriken zu den einzelnen Haciendas?
    Aber wir entscheiden immer noch, was wir schreiben und wie wir es schreiben und da redet uns keiner rein. Wenn es nicht immer 100 Prozent politisch korrekt ist, dann ist das halt so, aber wir wollen ja auch nicht zum Lachen in den Keller gehen…

    Übrigens Sipalay wäre ein Heidenspaß geworden…

    Wünsche weiterhin viel Spaß beim Lesen!

  4. Daniel

    …nur ne kurze anmerkung: ich habe bislang hier gelesen, weil ich jemand aus einem früheren team kenne. und ich hatte nicht vor, damit aufzuhören.
    schlagwortsuche, nun gut… ich will mich nicht mit euch streiten, ihr seid das aktuelle team und macht das nach eurer facon, aber naja… ich weiß, dass ipon negros viel und gute arbeit leistet, und auch freizeit dazu gehört. aber gehört das hier rein? das habe ich mich gefragt. vielleicht denkt ihr in ruhigen momenten noch mal darüber nach, was öffentlichkeitsarbeit bedeutet und wie ihr das für euch ausfüllen wollt – oder ihr habt das schon getan, das kann auch sein und dann halte ich meine klappe.
    und arne: danke, dass du das wort gleich noch mal verwendest. schon mal was von postkolonialer theorie gehört? vielleicht eine anregung, um sich mal damit auseinander zu setzen, was es bedeutet, als europäer in einem ehemals kolonisierten land unterwegs zu sein.

  5. Arne

    Habe ich durchaus schonmal was von gehört und ganz evtl. auch schon mit der angesprochenen Thematik auseinandergesetzt…

    Aber der kleine Spaß es nochmal zu verwenden nach deiner Steilvorlage war einfach zu einladend. Da konnte ich nicht an mich halten und musste die Toleranzgrenze unserer Leserschaft testen.
    Ich hoffe du nimmst mir das jetzt nicht allzu Übel?

  6. Hm…verstehe die Diskussion nicht so ganz.
    Ich lese sowohl gerne über die Arbeit als auch über Triviales. Dann kann man sich ein besseres Bild machen, was aus der Ferne eh eher schwierig ist.

    Viele Grüße aus dem langweiligen Bremerhaven
    Katrin

  7. irene

    Witzige Diskussion. Jetzt würde mich mal interessieren, mit wem der früheren Observer der Daniel befreundet ist. Ich hab da so meine Vermutung … 😉

  8. Steffen

    ein schelm wer böses denkt 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s