Weder schwarz noch weiß

Die Prinzipien, die der Arbeit von IPON zugrunde liegen, haben wir auf den Vorbereitungsseminaren kennen gelernt. Nichteinmischung. Gewaltfreiheit. Damals war das alles ganz klar, bereitete keinem von uns irgendwelche Bedenken. Doch vor Ort sieht die Situation manchmal dann doch anders aus. Nicht, dass wir an der generellen Sinnhaftigkeit jemals zweifeln oder gezweifelt hätten. Doch nicht alles ist schwarz oder weiß, es gibt auch viel grau dazwischen.

Während unserer Dauerpräsenz auf Hacienda Teresita Jison sahen wir mehr als eine Waffe, was zu ernsten Diskussionen zwischen Observern sowie zwischen Observern und Bauern geführt hat. Wir Observer waren uns dabei einig – das offensichtliche Vorhandensein von Waffen widerspricht den IPON-Prinzipien und ist ein Grund, unsere Präsenz vor Ort zu beenden. Bei dieser Entscheidung war auch ausschlaggebend, dass die Bauern vorerst nicht vorhatten Anzeige bei der Polizei zu erstatten. Wir sprachen mit den Bauern und teilten ihnen unsere Entscheidung mit, die Präsenz am nächsten Morgen zu beenden. Das führte dann ungewollt zu einem Konflikt mit einem anderen IPON-Prinzip – der Nichteinmischung. Zu keinem Zeitpunkt haben wir von den Bauern gefordert zur Polizei zu gehen. Zu gut verstanden wir ihre Sicherheitsbedenken, denn Zeugenschutz auf den Philippinen ist praktisch nicht vorhanden. Dennoch mussten wir natürlich erklären, warum eine weitere Präsenz für uns nicht möglich war. Und unsere Gründe waren das Vorhandensein von Waffen und vor allem dass keine staatlichen Akteure involviert waren. Denn laut IPON-Definition können Menschenrechtsverletzungen nur vom Staat begangen werden, der Menschenrechtskonventionen unterschreibt, ratifiziert und deshalb ihre Einhaltung garantieren muss. Ohne staatliche Akteure ist eine Arbeit für IPON unmöglich, und in einem Konflikt zwischen zwei Bauerngruppen für etwas Ruhe zu sorgen, gehört eindeutig nicht zu unserem Mandat.

Unsere Ankündigung führte zu einer internen Diskussion in der Gruppe der Bauern, vor allem mit den Zeugen des Mordes, und es wurde der Beschluss gefasst, am nächsten Tag bei der Polizei die Zeugenaussagen zu machen und somit den Prozess von Anzeige, Haftbefehl etc. ins Laufen zu bringen. Wir hatten das nicht bezweckt, was wir den Bauern auch klar sagten. Wir wollen sie schließlich nicht zu etwas drängen, das sie am Ende bereuen, da das Gewaltpotential auf dieser Hacienda immer noch recht hoch ist und mit weiteren Zwischenfällen gerechnet wird. Hier wird jedoch die Grenze von „Nichteinmischung“ schnell deutlich. Allein unsere Präsenz vor Ort verändert die Lage – was in einem gewissen Rahmen ja auch beabsichtigt ist.

Das Thema Gewaltfreiheit ist da eine etwas andere Sache. Denn natürlich haben wir auch Verständnis für Bauern, die sich selbst verteidigen. Dass sie die Waffen nur für diesen Fall der Selbstverteidigung einsetzen werden, versicherten sie uns. Gerade in einer Situation wie auf Hacienda Teresita Jison, wo abends Spione im Zuckerrohrfeld gesehen werden, macht deutlich, dass auch hier die Lage nicht ganz eindeutig ist. Von wem kann man verlangen, sich nicht gegen diese Bedrohung schützen zu wollen?
Eine erneute Diskussion zwischen uns Observern begann, wobei wir auch unsere dritte Frau im Büro sowie Steffen vom „alten“ Team telefonisch in die Beratung mit einschlossen. Wir kamen zu dem Schluss über die Waffen vorerst hinweg zu sehen und zu bleiben.
Haben wir jetzt gegen IPON-Prinzipien verstoßen? Ganz klar beantworten lässt sich diese Frage wohl nicht. Es gibt eben verschiedene Stufen von grau. /mf/

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Eingeordnet unter Aktuelles, Hacienda Teresita

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