„Which World Cup??“ Die Weltmeisterschaft auf philippinisch

Wir schreiben das Jahr 2010 der FIFA. Der sportliche Höhepunkt des Jahres lässt die Einwohner eines jeden Landes hoffen und bangen. Die ganze Welt ist im Fußballfieber. –Oh, sagte ich die ganze Welt? –Nicht doch! Siebentausend kleine Inseln im pazifischen Ozean leisten der allgemeinen Fußballbegeisterung immer noch erfolgreichen Widerstand, obwohl sie von keinen nennenswerten Gegnern umzingelt sind.

Fußball ist auf den Philippinen ungefähr so wichtig wie Brot zum Frühstück – also höchst uninteressant. „Manny“ Pacquiao, die lebende Boxerlegende der Philippinen dagegen kennt jedes Kind. Hat „Manny“ einen Kampf, sind die Strassen so leergefegt wie in Deutschland bei einem Finalspiel der DFB Elf. Als Ausländer wird man immer wieder gefragt, ob man Pacquiao kenne, den Nationalhelden schlechthin (der sich bei der letzten Wahl seine Popularität übrigens zunutze gemacht hat und sich nun als Politiker versucht). Doch Volkssport der Filipinos ist Basketball – koloniales Erbe der USA. Jedes noch so kleine Dorf hat mindestens einen Basketballkorb, Straßenkinder dribbeln Bälle am Bordstein entlang und ein geschätztes Drittel der männlichen Bevölkerung trägt permanent Basketballshirts. Dirk Nowitzki ist auf den Philippinen bestimmt mindestens genauso bekannt wie in Deutschland. Doch Fußball? WM-Vorrundenspiele sind absolut bedeutungslos wenn beispielsweise das große Finale der Talentshow „Pilipinas Got Talent“ zur gleichen Zeit ausgestrahlt wird. Überhaupt ist es nicht einfach, im touristenarmen Bacolod City einen Ort zu finden, an dem die WM-Spiele gezeigt werden – vor allem solche um halb drei nachts philippinischer Zeit. Dank guter Kontakte (man passt sich der Mentalität an) hat nun die Eatery um die Ecke regelmäßig und exklusiv bis morgens um halb fünf geöffnet. Eaterys gibt es auf den Philippinen an jeder Straßenecke, kleine Läden in denen man kostengünstig essen kann (im Zweifelsfall Reis mit Fisch, immer im Angebot). Oder eben Fußball schauen – sobald man sich als treue Stammkundschaft etabliert hat. Wenn der Besitzer sich dann nicht nur bereit erklärt bis zum frühen morgen wach zu bleiben sondern auch noch bei jedem Tor um ein Bier wettet, ist die WM fast wie sie sein soll. (Zumindest bei Deutschlandspielen, die einem vier Freibier bescheren.) Und langsam, ganz langsam, erwacht auch das Fußballinteresse in der kleinen Eatery um die Ecke. Bleibt nur zu hoffen, dass es sich verbreitet. Schließlich haben die Filipinos trotz des landesweiten Fanatismus in Sachen Basketball weltweit nicht besonders große Erfolge in diesem Sport zu verzeichnen –  die meisten Spieler sind schlicht zu klein für die internationale Konkurrenz. Im Fußball dagegen könnte die glorreiche sportliche Zukunft des Landes liegen – auch wenn das philippinische Nationalteam (es existiert tatsächlich und ist sogar eines der ältesten Asiens) in der FIFA-Weltrangliste momentan auf Platz 167 liegt. Nach Vanuatu aber immerhin kurz vor Palästina und Somalia. Und im AFC (Asian Football Confederation) Challenge Cup 2010, ein alle zwei Jahre stattfindendes Turnier für jene Mitgliedsländer des AFC „which need time to develop their football“, konnte das philippinische Team immerhin Bhutan mit 1:0 vernichtend schlagen (die unschöne 0:5 Niederlage gegen Turkmenistan sei nur am Rande erwähnt). Es bleibt also noch Hoffung – für den philippinischen Fußball einerseits und zahlreiche weitere Freibiere bis zum Finale andererseits. /fm/

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Aktuelles, Alltagsleben

3 Antworten zu “„Which World Cup??“ Die Weltmeisterschaft auf philippinisch

  1. Bruno Mayer

    Mein geringes fußballerisches Fachwissen wurde enorm erweitert. Andererseits kann ich jetzt eine Frage nach der geographischen Lage von Vanuatu locker beantworten. Arbeitet weiter an der fußballerischen Erschließung Asiens!

  2. wirvorort

    lol…ich hab auch gerade paar zeilen über die wm auf meinen blog geschrieben und den selben vergleich mit nba und pacquiao gebracht, obwohl ich euren artikel erst jetzt gelesen habe…anyway…COME ON ENGLAND!!! 😛

  3. Obwohl die letzten Worte des Kommentars als bedenklich gemeldet wurden, wird er dennoch aufgrund des Rechts auf freie Meinungsäußerung veröffentlicht. iponnegros distanziert sich ausdrücklich von den in Kommentaren geäußerten Meinungen.

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