Philippinische Albträume, oder: Randnotizen zu romantischer Zweierbeziehung und Ehe

Auf den Philippinen dröhnen die kitschigsten Liebeslieder an jeder Ecke aus großen Boxen, bei keinem Sing-a-long dürfen sie fehlen. Liebe wird gerne und oft beschworen, die Sehnsucht danach nach aussen getragen. Aber auch, wenn mir viele der Lieder bekannt sind, die Vorstellungen, die mit dem Wort Liebe verbunden werden, ähneln meinen eigenen nicht besonders und entsprechen auch nicht völlig der deutschen Liebesnorm. So kommt es oft zu Situationen in denen die soziale Natur von Liebesnormen sichtbar werden.

  • Auf der ersten Fährfahrt fängt es an, mein Staunen über philippinische Beziehungsvorstellungen. Wir sind gerade erst angekommen und nun auf den Weg in unser neues Büro. Wir laufen noch mit den großen Augen durch das Land, die nur Neuangekommene machen, denen noch alles neu und faszinierend, als Unbekanntes entgegentritt. Abends erzählt mir ein Vierundzwanzigjähriger, dass es „natürlich“ noch keine Beziehung hatte, er sei doch noch viel zu jung dafür. Ich habe vorher mein Alter erwähnt und auch meinen Freund. Er ist höflich genug, sich daran zu erinnern und antwortet auf meine Frage, ab welchem Alter Beziehungen legitim wären, mit sechsundzwanzig.
  • Bei einem Interview mit einem Staatsvertreter, ist dieser sehr zudringlich, nachdem er erfahren hat, dass ich seit Jahren eine Beziehung führe. Immer wieder greift er nach meiner Hand und macht Witze darüber, dass er auch gerne eine Freundin hätte, seine Frau es ihm jedoch nicht erlaube (Haha). Er nimmt uns keine Minute ernst, was mit meiner Selbstauskunft im Zusammenhang zu stehen scheint. Bald beenden wir diese sinnlose Unterhaltung.
  • Irgendwann erkundige ich mich unter Bekannten danach, ob es denn offiziell auch Beziehungen gäbe, ohne Ehe. Ja, die gibt es. „Und gibt es denn auch unverheiratete Frauen, die schwanger werden?“ Es wird gekichert, besonders schlau ist diese Frage ja auch nicht. Dann antwortet Einer, dass dann ja auch geheiratet wird. „Immer?“ Frage ich, immer noch nicht besonders intelligent nach. „Ja, immer!“ Eine Antwort, die im Wesentlichen dem Niveau der Frage gerecht wird.
  • Das Abtreibung kategorisch verboten ist, ist in meinen Augen natürlich ein Thema für sich. Allerdings ist es anscheinend Keins für Gespräche bei einem Glas Bier.
  • Einer aus unserem Freundeskreis taucht plötzlich nicht mehr auf bei unseren seltenen abendlichen Zusammenkünften, „weil er eine Freundin hat.“ „Ach ja“, sage ich, „bei Frischverliebten rückt der Freundeskreis manchmal etwas in den Hintergrund, weil der Partner plötzlich spannender ist, als alles andere auf der Welt…“. Ich bemerke ein Stirnrunzeln, bei meiner Gesprächspartnerin, dann antwortet sie, dass das wohl die am Wenigsten zutreffende Beschreibung ist, die ich von der Situation geben könnte. So direkten Widerspruch erfahre ich auf den Philippinen sonst eigentlich nie. Unser Freund sei verschwunden, weil seine Partnerin so eifersüchtig sei und ihn immer kontrollieren wolle, erklärt sie mir. Seine Freundin lese jede Kurzmitteilung, die er bekäme, rufe im Minutentakt an, wenn er nicht bei ihr ist um zu erfragen, wer bei ihm sei und was er gerade tue. Dann müsse er sein Handy weitergeben, damit sie sich seine Geschichte bestätigen lassen kann. Aus ihrer eigenen Biografie kenne sie das auch, ergänzt meine Gesprächspartnerin, daran sei auch jede ihrer bisherigen Beziehungsanläufe unweigerlich gescheitert. Alle in der Runde nicken zustimmend, wirklich ungewöhnlich finden sie dieses Verhalten wohl nicht. Natürlich, sei man eifersüchtig, wenn der Partner ohne einen etwas unternehme. Ich kann mein Entsetzen nicht verhehlen und bemerke Verwunderung in den meisten Gesichtern und auf einige Münder legt sich ein Schmunzeln über meine Überraschung. Dann wechseln wir das Thema.
  • Auf unserer Reise durch Manila fallen mir zwei Paare auf. Es sind die ersten sichtbaren Paare die mir hier begegnen. Es sei denn der Mann ist ein Weisser, denn für Weisse gelten Sonderregeln: Ein bisschen Sichtbarkeit ist da erlaubt und erhöht den Status, solange auf Eheschliessung gehofft werden kann. Händchen halten, Küsse, zärtliche Berührungen und Blicke in der Öffentlichkeit, so etwas gibt es wohl nur bei Touristen und in der Großstadt.
  • Gestern Abend sitze ich mit einem Freund auf der Terrasse. Wir sprechen über seine zerrüttete Ehe. Das sieht so ähnlich aus, wie zerrüttete Ehen in Deutschland. Nur, dass er sich sicher ist, dass seine Frau ihn nur heiraten wollte, weil sie eine Beziehung mit einem verheirateten Mann führte und damit rechnete eines Tages schwanger zu werden (das mit der Verhütung ist hier so eine Sache und vor über 20 Jahren sah es noch wesentlich schlechter aus). Die Heirat versteht er als Entscheidung von ihr, den sozialen Tod zu vermeiden. Er habe ihr das Jawort gegeben, weil er einmal mit ihr geschlafen hatte und da sei die Ehe nun mal die logische Konsequenz. Aber seinen Kindern zuliebe wolle er auch seine Frau nicht ins Gefängnis bringen, obwohl Ehebruch als Kriminalverbrechen gehandhabt werde.

Ach ja, die Liebe…? /ah/

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