Monatsarchiv: Mai 2010

Büro an Feld – Feld an Büro

Die Bauern auf Hacienda Teresita, wo vor Kurzem ein Bauernführer ermordet wurde, haben uns um eine längere Präsenz vor Ort gebeten. Seit gestern sind Mira Florian und Friederike Mayer dort, um mit Hilfe der Polizei die Sicherheitslage zu verbessern. Bis zum Ende der Woche sitze ich alleine im Büro, verbunden mit meinem Team über unsere Handys: „Sind bei den Bauern und essen Reis“ lautete die erste Kurzmitteilung, die gestern auf dem Display meines Handys aufleuchtete und seitdem geht es regelmäßig hin und her. Alle Missverständnisse, die diese Form der Kommunikation manchmal mit sich bringt, eingeschlossen. Abends gab es dann eine erste Zusammenfassung: „News today: Amay (die lokale community organizerin vom TFM) wird verfolgt; die Zeugen kommen heute Nacht zurück; morgen wird geerntet, was Probleme geben könnte; uns geht es gut.“

Wir tauschen uns noch kurz über die geplanten Besuche bei der Polizei und dem Bürgermeister aus, welche am nächsten Tag stattfinden sollen und wünschen uns eine gute Nacht. „Passt auf Euch auf!“, denke ich und verstehe plötzlich, warum uns so häufig besorgte Rückfragen über unsere Sicherheit erreichen. Wir bringen uns nie in Gefahr, aber von außen betrachtet kann auch mir ein wenig mulmig werden. Die Information über das Geschehen erfolgt ja meistens erst im Nachhinein.

Es gibt auch skurille Rückmeldungen über „das Vergnügen zu duschen (…, in einem) ausgetrocknete(n) Fluss mit gegrabenen Löchern und vielen Zuschauern. Die hatten ihren Spaß.“ Nur strategische Fragen gestalten sich schwierig und benötigen ein zeitaufwendiges Hin- und Her unzähliger Kurzmitteilungen. Das wird dann verschoben, soweit möglich, bis zum nächsten Zusammentreffen. Der Ablösung am Wochenende. Dann wird jemand anderes hier sein, im verlassenen Haus, in dem einen nur noch der Ventilator Gesellschaft leistet, während Termine angefragt werden, Gespräche geführt, Post erledigt wird und ab und zu (weil durch erneuten Stromausfall nur beschränkte Arbeitsmöglichkeiten zur Verfügung stehen) ein kleiner Artikel verfasst wird, um Euch da draußen weiterhin Informationen weiterzugeben. /ah/

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Philippinische Albträume, oder: Randnotizen zu romantischer Zweierbeziehung und Ehe

Auf den Philippinen dröhnen die kitschigsten Liebeslieder an jeder Ecke aus großen Boxen, bei keinem Sing-a-long dürfen sie fehlen. Liebe wird gerne und oft beschworen, die Sehnsucht danach nach aussen getragen. Aber auch, wenn mir viele der Lieder bekannt sind, die Vorstellungen, die mit dem Wort Liebe verbunden werden, ähneln meinen eigenen nicht besonders und entsprechen auch nicht völlig der deutschen Liebesnorm. So kommt es oft zu Situationen in denen die soziale Natur von Liebesnormen sichtbar werden.

  • Auf der ersten Fährfahrt fängt es an, mein Staunen über philippinische Beziehungsvorstellungen. Wir sind gerade erst angekommen und nun auf den Weg in unser neues Büro. Wir laufen noch mit den großen Augen durch das Land, die nur Neuangekommene machen, denen noch alles neu und faszinierend, als Unbekanntes entgegentritt. Abends erzählt mir ein Vierundzwanzigjähriger, dass es „natürlich“ noch keine Beziehung hatte, er sei doch noch viel zu jung dafür. Ich habe vorher mein Alter erwähnt und auch meinen Freund. Er ist höflich genug, sich daran zu erinnern und antwortet auf meine Frage, ab welchem Alter Beziehungen legitim wären, mit sechsundzwanzig.
  • Bei einem Interview mit einem Staatsvertreter, ist dieser sehr zudringlich, nachdem er erfahren hat, dass ich seit Jahren eine Beziehung führe. Immer wieder greift er nach meiner Hand und macht Witze darüber, dass er auch gerne eine Freundin hätte, seine Frau es ihm jedoch nicht erlaube (Haha). Er nimmt uns keine Minute ernst, was mit meiner Selbstauskunft im Zusammenhang zu stehen scheint. Bald beenden wir diese sinnlose Unterhaltung.
  • Irgendwann erkundige ich mich unter Bekannten danach, ob es denn offiziell auch Beziehungen gäbe, ohne Ehe. Ja, die gibt es. „Und gibt es denn auch unverheiratete Frauen, die schwanger werden?“ Es wird gekichert, besonders schlau ist diese Frage ja auch nicht. Dann antwortet Einer, dass dann ja auch geheiratet wird. „Immer?“ Frage ich, immer noch nicht besonders intelligent nach. „Ja, immer!“ Eine Antwort, die im Wesentlichen dem Niveau der Frage gerecht wird.
  • Das Abtreibung kategorisch verboten ist, ist in meinen Augen natürlich ein Thema für sich. Allerdings ist es anscheinend Keins für Gespräche bei einem Glas Bier.
  • Einer aus unserem Freundeskreis taucht plötzlich nicht mehr auf bei unseren seltenen abendlichen Zusammenkünften, „weil er eine Freundin hat.“ „Ach ja“, sage ich, „bei Frischverliebten rückt der Freundeskreis manchmal etwas in den Hintergrund, weil der Partner plötzlich spannender ist, als alles andere auf der Welt…“. Ich bemerke ein Stirnrunzeln, bei meiner Gesprächspartnerin, dann antwortet sie, dass das wohl die am Wenigsten zutreffende Beschreibung ist, die ich von der Situation geben könnte. So direkten Widerspruch erfahre ich auf den Philippinen sonst eigentlich nie. Unser Freund sei verschwunden, weil seine Partnerin so eifersüchtig sei und ihn immer kontrollieren wolle, erklärt sie mir. Seine Freundin lese jede Kurzmitteilung, die er bekäme, rufe im Minutentakt an, wenn er nicht bei ihr ist um zu erfragen, wer bei ihm sei und was er gerade tue. Dann müsse er sein Handy weitergeben, damit sie sich seine Geschichte bestätigen lassen kann. Aus ihrer eigenen Biografie kenne sie das auch, ergänzt meine Gesprächspartnerin, daran sei auch jede ihrer bisherigen Beziehungsanläufe unweigerlich gescheitert. Alle in der Runde nicken zustimmend, wirklich ungewöhnlich finden sie dieses Verhalten wohl nicht. Natürlich, sei man eifersüchtig, wenn der Partner ohne einen etwas unternehme. Ich kann mein Entsetzen nicht verhehlen und bemerke Verwunderung in den meisten Gesichtern und auf einige Münder legt sich ein Schmunzeln über meine Überraschung. Dann wechseln wir das Thema.
  • Auf unserer Reise durch Manila fallen mir zwei Paare auf. Es sind die ersten sichtbaren Paare die mir hier begegnen. Es sei denn der Mann ist ein Weisser, denn für Weisse gelten Sonderregeln: Ein bisschen Sichtbarkeit ist da erlaubt und erhöht den Status, solange auf Eheschliessung gehofft werden kann. Händchen halten, Küsse, zärtliche Berührungen und Blicke in der Öffentlichkeit, so etwas gibt es wohl nur bei Touristen und in der Großstadt.
  • Gestern Abend sitze ich mit einem Freund auf der Terrasse. Wir sprechen über seine zerrüttete Ehe. Das sieht so ähnlich aus, wie zerrüttete Ehen in Deutschland. Nur, dass er sich sicher ist, dass seine Frau ihn nur heiraten wollte, weil sie eine Beziehung mit einem verheirateten Mann führte und damit rechnete eines Tages schwanger zu werden (das mit der Verhütung ist hier so eine Sache und vor über 20 Jahren sah es noch wesentlich schlechter aus). Die Heirat versteht er als Entscheidung von ihr, den sozialen Tod zu vermeiden. Er habe ihr das Jawort gegeben, weil er einmal mit ihr geschlafen hatte und da sei die Ehe nun mal die logische Konsequenz. Aber seinen Kindern zuliebe wolle er auch seine Frau nicht ins Gefängnis bringen, obwohl Ehebruch als Kriminalverbrechen gehandhabt werde.

Ach ja, die Liebe…? /ah/

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„Wir können nicht frei sprechen.“

Es ist bereits relativ spät, als wir endlich auf Hacienda Teresita eintreffen. Wir setzen uns mit Neneth, der Witwe des am 16.Mai 2010 ermordeten Farmerleaders Florencio Dogomeo, vor ihr Haus. Ein Mann gesellt sich zu uns. Er ist erst nach dem Mord (wir berichteten hier darüber) aus Cebu hierher gekommen um die Bäuerinnen zu unterstützen. Die drei Männer, die den Mord gesehen haben, sind untergetaucht, ein Vierter begleitet sie. Alle Vier haben Angst um ihr Leben, dass sie die nächsten Opfer werden könnten. Joy heisst der, mit dem wir nun sprechen. Er hofft, dass die Vier zurückkehren, wenn sie wissen, dass er nun ebenfalls wieder in dem Dorf lebt. „Jetzt“, sagt er „stehe vielleicht ich in der Schusslinie.“

Wir fragen sie, ob sie den Betrug der ehemaligen development facilitator des Agrarreformministeriums weiterverfolgen wollen. Da sie davon ausgehen, dass Florencio Dogomeo umgebracht wurde, um genau das zu vermeiden, befürchten sie damit weitere Tote zu beschwören. „Einer ist genug!“, antworten sie. Eine wirkliche Bestrafung der Betrügerin, die sie um mehr als 1,2 Millionen Peso gebracht hat, sei das Risiko nicht wert, dass noch jemand ermordet würde. Der vermutliche Zweck des Mordes wurde also erreicht, die Bauern werden schweigen.

Dennoch fühlen sie sich nicht sicher. Seit dem Mord seien vier verdächtig wirkende Unbekannte regelmässig bei den abgelegenen Häusern der Bauern aufgetaucht. Unsere Frage, ob sie mit dem Mord in Verbindung stehen, beantworten die Bauern indem sie sagen, dass sie nicht frei sprechen können. Es gibt viele Zuhörer und es gibt mindestens einen Spitzel, sagen sie. Wir müssen zu einer besseren Zeit wiederkommen: ganz früh am Morgen, oder abends, wenn sich alle Menschen in das Innere ihrer Häuser zurückgezogen haben, dann können sie uns die ganze Geschichte erzählen.

Sie wirken nervös und unsicher. Sie erzählen uns, dass sie Angst haben. Angst vor einem weiteren Mord. Besonders nachts in ihren Häusern. Sie bitten uns zu bleiben. Und wir versprechen wieder zu kommen, bald und für länger. /ah/

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Kommunikation, oder so ähnlich…

Wir treffen Montag, morgens um 10.30 Uhr in La Castellana ein, machen unsere Lebensmitteleinkäufe, warten pünktlich am vereinbarten Treffpunkt. Wie von Edwin als Vorschlag der Bäuer_innen an uns kommuniziert wurde. Aber unsere sonst so zuverlässigen Bäuer_innen kommen nicht – sie wussten von nichts.

Wir sind da nicht besonders empfindlich und fahren gut gelaunt zu den Bäuer_innen, die uns freudig empfangen. Erst einmal müssen wir fürstlich tafeln, dann erkundigen wir uns nach neuen Entwicklungen. Es ist enttäuschend. Bei unserem letzten Treffen mit Edwin, dem lokalen Community Organizer von TFM,  hatte dieser berichtet, dass die Polizei endlich zur Hacienda gefahren sei und Ermittlungen angestellt habe. Wir hatten uns gefreut, denn eines der Hauptprobleme bestand bislang darin, dass die Polizei beinahe sämtliche blotter (Meldungen) der TFM-Bauern ignoriert hat und sich noch nicht einmal die Mühe machte überhaupt das betroffene Gebiet zu betreten – schweigen wir über das Ausbleiben von daraus folgenden Schritten.

Jetzt erfahren wir, dass es zuvor einen weiteren Vorfall gegeben hatte, bei dem die Bäuer_innen wiederum ein Feld aus ihrem Besitz verloren haben. Sie wurden nun endgültig aus dem Gebiet der Hacienda welches der Gemeinde Moises Padilla angehört vertrieben und trauen sich nicht einmal mehr ihre Freund_innen zu besuchen, die dort leben. Dies steht natürlich in eklatantem Widerspruch zum philippinischem Wegerecht. Aber gerade rechtliche Fragen werden von der Großgrundbesitzerin ja gerne ignoriert und bislang hat sie damit auch keine wirklichen Probleme bekommen. Angeblich gibt sie bei den Nachbarn damit an, dass die Regierung sich ohnehin nicht für die Durchsetzung der Landreform interessiere und sie daher gefahrlos so weitermachen könne wie bisher.

Manche Bauern haben sich vorerst etwas zurückgezogen, es ist zu schwierig so eine Situation auf Dauer zu ertragen.

Immerhin versuchen die Security Guards nur einmal uns rauszuschmeissen, indem sie mit einer Anzeige drohen. Wir antworten freundlich, dass sie das gerne versuchen können – vielleicht glauben sie ja der Polizei, dass sie keine Befugnis haben uns den Zugang zu den Bauern zu verbieten. Später kommen sie anscheinend mit ihren Recherchen vorerst zu dem Punkt, dass es für sie besser ist, uns einfach gewähren zu lassen.

Ein Versuch den Polizeichef zu treffen führt uns erst zu einem Sprint durch strömenden Tropenregen, weswegen wir nassen Hunden ähneln, als wir das Polizeihauptquartier endlich erreichen. Chief Flores ist jedoch nicht da und wir werden auf den nächsten Tag vertröstet. Wir fahren zum Militär, das auf Hacienda Agueda einen Außenposten unterhält, um dem regionalen Kommandanten unseren Report zu überreichen. Es ist ein neuer Mann in dieser Position, wie wir überrascht feststellen. Er nimmt sich spontan Zeit für unser Anliegen. Jedoch kann er uns keine Antworten geben, er ist erst seit wenigen Wochen im Amt. Später treffen wir dann den Polizeichef Flores, der uns nun auch einmal freundlich erleben darf – hat er sich doch endlich mal dazu durchgerungen, Ermittlungen anzustellen. Bei dem Lesen unseres Berichtes wird ihm noch unbehaglich genug werden, sind da doch viele vorhergehende Versäumnisse in Sachen Agueda nachzulesen. Aber wenn er nun seine Arbeit macht, hat er vermutlich nichts zu befürchten. Auf einen Zeitungsartikel, demzufolge er wegen nachgewiesener Einmischung in Parteipolitik des Amtes enthoben werden sollte, sprechen wir ihn natürlich auch nicht an. Obwohl wir zugegebenermaßen gerne wüssten, was nötig war um dennoch den Posten weiter zu behalten. Der MARO, der lokale Vertreter des Agrarreformministeriums (DAR), vertröstet uns während der ganzen Zeit unseres Aufenthaltes, verabredet sich mit uns in Bacolod und sagt dann kurzfristig ab. Das ist die Form in der wir es gewohnt sind.

Wir haben plötzlich Zeit, den plötzlich vermehrt auftretenden Tropenregen zu genießen, unsere Meetinglisten zu schreiben und Erledigungen zu machen – und uns zu ärgern, dass wir einen Vertreter vom nationalen DAR aus Manila verpasst haben –  weil wir zu spät von dem Besuch unterrichtet wurden. Schade für die Bauern auf Agueda, schade für die auf Teves. /ah/

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Tschüss – Ein Rückblick in Fotos

Seit September 2009 bin ich mit IPON auf Negros gewesen. Diesen Mittwoch werde ich unser Büro in Bacolod verlassen. Mit dem Schiff geht es auf nach Manila, zu einer einmonatigen Reise, bevor ich nach Deutschland zurückkehre. Unter anderem werde ich beim IPON Bondoc-Team vorbeischauen.

Ein Rückblick in Fotos:

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/iw/

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